Veranstaltungshinweis: Heute zum Tag der Umwelt: Gratisvorführungen von «Home»
In der Schweiz hat Kai Pulfer von Filme für die Erde sechs Vorführungen organisiert. Wer auf die Schnelle noch ein Abendprogramm sucht: Nichts wie los:
BERN: Fr 5.6. 19:30: Reitschule, Neubrückstr. 8, Grosse Halle
BEINWIL AM SEE (AG): Fr 5.6. 20:00: Haus Wittwer, Seestrasse 57
SCUOL: Fr 5.6. 20:30 Uhr: Pimunt, 7550 Scuol (City)
WINTERTHUR: Fr 5.6. 19:00: Kirchgemeindehaus Liebestrasse 3
ZÜRICH: Fr 5.6. 19:30: ETH Zürich Hauptgebäude, Saal HG D3.2, Rämistrasse 101
BASEL: Sa 6.6. 19:30: unternehmen mitte, Gerbergasse 30
Tiananmen - war da was?
Die Jintao-Clique erschuf sich schon bei der Eröffnungsfeier zu ihren Olympischen Spielen eine eigene Wirklichkeit. Es besteht wenig Zweifel, dass ihr dies auch im Rahmen dieses Nicht-Jubiläums gelingen wird.
Gedenktafel für das Nichtereignis - aus der Simpson-Folge Goo Goo Gai Pan (2005)
Veranstaltungshinweis: Montag, 8. Juni, Zürich - Wie weiter bei der Sterbehilfe?
Zentrum Karl der Grosse, Erker-Zimmer, Kirchgasse 14, 8001 Zürich (Tram 4/15 bis Helmhaus)
Walter Fesenbeckh, Exit-Vorstandsmitglied und Theologe, erzählt aus dem Praxisalltag eines Sterbebegleiters und skizziert, welche Leitplanken aus seiner Sicht nötig sind.
Im Anschluss Frage- und Diskussionsrunde. Eintritt frei.
Das Ende von Labour [update]
Vom 4. bis zum 7. Juni wird das Europaparlament neu gewählt. Ein Blick über den Ärmelkanal lohnt sich gleich mehrfach: Das Vereinigte Königreich ist nebst den Niederlanden das einzige EU-Mitglied, das seine Urnen am ersten dieser vier Wahltage öffnet. Die Europawahlen (sowie die in zahlreichen Regionen gleichzeitig stattfinden Lokalwahlen) gelten zudem als Lackmus-Test für die Labour-Regierung, die nicht erst seit den zahlreichen Schlagzeilen über missbräuchliche Spesenabrechnungen von Parlamentsmitgliedern unter Beschuss ist.
Umfragen zu den Wahlabsichten zeigen, dass sich Premier Gordon Brown warm anziehen muss, sehr warm: Zwei aktuelle Prognosen - von Populus für die heutige Times und von ICM für den morgigen Sunday Telegraph - gehen davon aus, dass Labour (Lab) auf den dritten Platz zurückfällt. Der Niedergang, der bereits unter der Führung des bekennenden Thatcher-Verehrers und Kriegsrhetorikers Tony Blair einsetzte, dauert also unvermindert an. Die Regierung Brown ist faktisch am Ende, auch wenn Brown Erneuerungswahlen noch bis Juni 2010 hinauszögern kann.
Labour im Krebsgang, wahrscheinliche Sitzgewinne für die Grünen
(Prognosen der Umfrageinstitute Populus und ICM)
Leicht zulegen im Vergleich zu 2004 dürften die Konservativen (Con). Widersprüchlich sind die Prognosen für die Liberaldemokraten (Ldem): Populus sagt einen Rückgang um drei, ICM eine Zuwachs um fünf Prozentpunkte voraus. Die jüngeren Enthüllungen von Spesenmissbräuchen auch von Liberaldemokraten mögen ein Grund für die uneinheitlichen Prognosen sein, es mag aber auch Abbild unterschiedlicher Erhebungsmethoden sein. Auch bei der rechtspopulistischen UK Independence Party (UKIP) ist der Trend nicht eindeutig. Zu den klaren Gewinnern gehören gemäss beiden Instituten die Grünen. Stagnieren dürfte hingegen die rechtsextreme British National Party (BNP).
Die Prognosen berücksichtigen regionale Unterschiede nicht, lassen also beispielsweise keine Voraussagen zu den Erfolgen der walisischen Plaid Cymru oder der Scottish National Party zu. Auch innerhalb Englands ist die Ausgangslage uneinheitlich, nicht nur, weil in den einzelnen Wahlkreisen unterschiedlich viele Sitze zu vergeben sind. Die BNP konzentriert sich in ihrer Kampagne auf den Wahlkreis «Nordwest». Die Grünen bringen sich dort als fünfte Kraft ins Spiel, mit dem konkreten Ziel, zu verhindern, dass der BNP-Parteiführer Nick Griffin die Wahl ins EU-Parlament schafft. Sie fordern deshalb Wechselwähler auf, ihre Stimme den Grünen und ihrem Spitzenkandidaten Peter Cranie zu geben - und zeigen in einem Kurzfilm, wieso dies aufgrund des Wahlverfahrens und der Umfragewerte Sinn macht.
Das D’Hondt-Wahlverfahren (auch als Hagenbach-Bischoff-System bekannt) kurz erklärt.
Quelle: www.stopnickgriffin.org.uk
CVP - wenn nehmen seliger ist als geben
Vielleicht ist’s wirklich an der Zeit für eine Volksinitiative, welche das Parteispendenwesen regelt.
Bern: FDP und GFL go religulous
Die Stadtberner Parlamentarier der Grünen Freien Liste und der EVP, die zusammen eine Fraktionsgemeinschaft bilden, haben ein gravierendes gesellschaftliches Problem entdeckt: Viele Schüler wissen nicht, wieso sie an Feiertagen frei haben. Dies ist ihnen ungeheuer und sie lieferten in der Form einer dringenden Motion eine Lösung: Die Lehrer - wer denn sonst? - sollen’s richten. Sie wollen die Lehrkräfte aller Klassen der Volksschule dazu verpflichten, «jedes Jahr vor jedem gesetzlichen Feiertag die Schülerinnen und Schüler kurz über den Sinn und Inhalt des Feiertages zu informieren».
Die Motionäre stören sich an der Verweltlichung der ehemals christlichen Feiertage und meinen, es könne nicht angehen, «dass Schulabgänger Ostern in erster Linie mit Osterhasen und Eiern assoziieren.» Die Schule soll also zwangskorrigieren, was die Aussenwelt vermittelt. Die Motion wurde am vergangenen Donnerstagabend tatsächlich mit 32 zu 29 Stimmen überwiesen - unter anderem dank der fleissigen Unterstützung der Freisinnigen. Liebe GFL- und FDP-Parlamentarier: Nehmt doch den geschenkten Feiertag zum Anlass, darüber zu sinnieren, was das Wort «frei» in Euren Parteinamen eigentlich bedeutet. Wenn es nur noch in der Zusammensetzung "sinnfrei" Verwendung findet, solltet Ihr vielleicht mal über das Streichen des Begriffs nachdenken.
Adäquat auf das Überweisen der Motion reagierten die beiden Grünliberalen Michael Köpfli und Claude Grosjean: Sie verlangen in einem Postulat, in diesem Darwin-Jubiläumsjahr an der Schule einen Evolutionstag einzuführen, denn es könne nicht angehen, «dass Schulabgängerinnen und Schulabgänger das Leben und dessen Entwicklung und Vielfalt mit irrationalen wissenschaftlich nicht begründbaren Theorien in Verbindung bringen.»
Schöne Pfingsten allerseits - aus welchem Grund auch immer. Zur Einstimmung ein Lied von Christoph und Lollo:
Schweizer Rüstungsindustrie befriedet die Weltmeere
Möglicherweise haben die Initianten (zu denen auch ich gehöre), jedoch das Friedensförderungspotential der Schweizer Rüstungsindustrie unterschätzt.
Dank Schweizer Technologie: Deutsche Marine bleibt im Hafen
Die Kieler Nachrichten vermelden, dass die Deutsche Marine voraussichtlich bis Mitte 2011 auf den Einsatz ihrer fünf neuen Korvetten K130 verzichten muss. Aus den geplanten Abenteuerreisen mit den je 240 Millionen Euro teuren Schiffen nach Libanon und Somalia wird also vorerst nichts. Der Grund: Die Getriebe der Winterthurer Renk-Maag AG - eine Tochterfirma der Deutschen RENK AG - müssen wegen Defekten allesamt ausgetauscht werden.
Auslaufverbot bis 2011 für die Korvetten der Deutschen Marine (Frank Behling/kn-online.de)
Ob es die Initianten verpasst haben, eine Ausnahme vorzusehen für «Komponenten, deren Einbau nachweislich das Funktionieren der damit ausgestatteten Rüstungsgüter verhindern»?
Wenn Wissen jugendgefährdend ist... [update]
faz.de ist ebenfalls der Kategorie «Standard gesperrt» zugeteilt, nicht aber etwa faz.net, auf das Besucher von faz.de automatisch umgeleitet werden. Im Gegenteil: faz.net wird ausdrücklich für unbedenklich gehalten. Derselbe Unsinn ist auch bei der berliner-zeitung.de zu erleben. Die Seite ist gesperrt, berlinonline.de/berliner-zeitung/, wohin man weitergeleitet wird, wird hingegen für unbedenklich gehalten. Letzteres gilt auch für bild.de. Kein Wunder: Die sind Partner beim Jugendschutzprogramm.
Grämen wird sich wohl die Titanic-Redaktion. Ihr Magazin wird mit «Default ab 14» eingestuft, liegt also auf derselben Gefährdungsstufe wie beispielsweise astrologie.de, gilt aber als weitaus unbedenklicher als spiesser.de, das ebenfalls standardmässig gesperrt ist. Sind wohl etwas zu brav geworden, die Frankfurter Schüler...
Betrieben wird die Site vom als gemeinnützig anerkannten Verein «Verein zur Förderung des Kinder- und Jugendschutzes in Telemedien e.V.». Dessen Korrespondenzadresse führt zu einem Hamburger Porno-Anbieter. Der Filter-Service dient also wohl in erster dazu, gesetzliche Sperrmmassnahmen zu verhindern. Aber dazu ist es in Deutschland wohl schon zu spät...
Nachtrag 24.05.2009: Die Zensoren scheinen reagiert zu haben. kyriacou.ch wie auch scienceblogs.de sind nun als 'Individuell' markiert. Der Filter für gruene.de wurde ganz entfernt. julia-seeliger.de, jusos.de und faz.de bleiben aber gefährlich und auf «standard gesperrt», scienceblogs.com gar auf «wird geblockt».
Es braucht klare Spielregeln bei knappen Abstimmungsresultaten
Chancenlos sind die Beschwerden keinesfalls. Im September 2005 ordnete das Bundesgericht eine Nachzählung zur Stadtberner Exekutivwahl an und begründete dies unter anderem mit «dem äusserst knappen Ausgang zwischen den beiden Kandidaten». Regula Rytz und Alec von Graffenried trennten damals lediglich 19 Stimmen. (Durch die Nachzählung war der Abstand auf sechs Stimmen zusammengeschrumpft, Regula Rytz, inzwischen bereits ein Jahr im Amt, konnte jedoch weiter regieren.)
Einige Kantone kennen klar definierte Hürden. Das Gesetz über die politischen Rechte im Kanton Graubünden (PDF) schreibt beispielsweise folgendes vor:
Beträgt beim ermittelten vorläufigen Gesamtergebnis einer Wahl oder Abstimmung die Differenz der Stimmen zwischen der letzten gewählten und der ersten nicht gewählten Person beziehungsweise zwischen den Ja- und Nein-Stimmen weniger als 0,3 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmzettel, hat von Amtes wegen eine Nachzählung zu erfolgen.
Der Kanton Zürich sieht in seinem Gesetz über die politischen Rechte (PDF) ebenfalls eine Nachzählung bei knappem Abstimmungsausgang vor und konkretisiert dies in einer Verordnung (PDF):
Ein knapper Ausgang der Abstimmung gemäss § 75 Abs. 3 GPR liegt in der Regel dann vor, wenn der Anteil der Ja-Stimmen zwischen 49,8 und 50,2 Prozent der Summe der Ja-Stimmen und der Nein-Stimmen liegt.
Die Gemeinde Embrach hatte am 17. Mai zu einer kantonalen Abstimmung bei der Übermittlung an den Kanton die Ja- und Nein-Stimmen vertauscht, derselbe Fehler passierte im vergangen Jahr der Gemeinde Sufers und im Jahr 2006 dem Wahlbüro der Stadt Luzern (PDF). Bei der Abstimmung zu den biometrischen Pässen hätten schweizweit knappe 2800 verkehrt übermittelte Stimmen gereicht, um unter die Schwelle von 50% Ja zu kommen.
Es gibt also durchaus Gründe, bei knappen Abstimmungsausgängen stichprobenweise oder vollständige Nachzählungen zu verlangen, ohne gleich von bewussten Wahlfälschungen auszugehen. Es scheint angebracht, dass auch auf Bundesebene verbindliche Schwellwerte für obligatorische Nachkontrollen oder Neuauszählungen festgelegt werden. Dies würde das Vertrauen ins Abstimmungsverfahren erhöhen und uns gleichzeitig so manche Verschwörungstheorie ersparen.
Zürcher Verwaltungsgericht: Ausgehverbote für Jugendliche sind widerrechtlich!
1. Die Versammlungsfreiheit ist gewährleistet.
2. Jede Person hat das Recht, Versammlungen zu organisieren, an Versammlungen teilzunehmen oder Versammlungen fernzubleiben.
Die exekutive der 1800-Seelengemeinde Dänikon war jedoch der Auffassung, dass die lokale Polizeiverordnung über der Verfassung stehe und ergänzte sie mit dem Passus
Schulpflichtigen Jugendlichen ist es untersagt, sich nach 22.00 Uhr ohne Begleitung der Inhaber der elterlichen Sorge in Ansammlungen auf öffentlichen Strassen oder Plätzen aufzuhalten.
An der Gemeinderversammlung wurde die Verordnung mit 22 zu 8 Stimmen angenommen. Drei EinwohnerInnen erhoben dagegen beim Bezirksrat Beschwerde - erfolglos. Eine Person zog den Fall ans Verwaltungsgericht weiter. Dieses hat das Verbot nun für unzulässig erklärt. In seinem Entscheid zerzaust es die Argumente des Gemeinderates Dänikon als Beschwerdegegnerin:
Die Einwendung der Beschwerdegegnerin, dass jede Einschränkung von von Freiheitsrechten immer auch Personen betreffe, die durch ihr Verhalten keinen Anlass geben würden, derartige Bestimmungen zu erlassen, ist nicht nachvollziehbar. Würde man dieser Ansicht folgen, würde nämlich dem Grundsatz, dass grundrechtseinschränkende Massnahmen nur diejenigen treffen sollen, die Anlass für die betreffende Beschränkung gegeben haben, stets widersprochen.
[...] Damit ergibt sich, dass durch das Ansammlungsverbot unrechtmässig in die Versammlungsfreiheit der schulpflichtigen Jugendlichen eingegriffen wird, weshalb die Beschwerde gutzuheissen ist.
Der Entscheid dürfte ähnlichen Gelüsten landauf und landab ein Ende setzen. Und das ist gut so!
Vier Irrtümer der Skeptiker, die dennoch «Ja» zur Komplementärmedizin sagen wollen
1. Wenn jemandem die Placebo-Wirkung hilft, ist’s doch im Sinn des Patienten.
Jeder Hausarzt verwendet gelegentlich den Placebo-Effekt, da ein Teil der Patienten nicht von der Idee abzubringen ist, die Behandlung sei nur seriös, wenn sie wenigstens eine Pille mit auf den Weg kriegen.
Wenn aber ein Arzt nicht mehr zwischen seiner eigenen psychologischen Wirkung und derjenigen seiner abgegebenen Präparate unterscheiden kann, wird's gefährlich. Primum non nocere - in erster Linie keinen Schaden anrichten - ist das oberste Gebot für jeden Arzt und jede Ärztin. Schäden können nicht nur durch Nebenwirkungen von Medikamenten entstehen sondern auch durch den Verzicht auf wirksame Interventionen.
2. Die Schulmedizin ist zu stark von der Pharma-Lobby kontrolliert. Da braucht’s ein Gegengewicht.
Bei der Abstimmung geht’s in keiner Form um die Schulmedizin oder um die Macht der Pharmakonzerne. Diese halten sich bewusst im Hintergrund bei der Abstimmung. Sie wissen, dass ihnen real kaum Umsätze entgehen, da Globuli und dergleichen eben vorwiegend komplementär eingesetzt werden. Und sie wollen vor allem eines nicht: Eine Debatte über den Leistungskatalog, den die Grundversicherung zu übernehmen hat. Denn auch im schulmedizinischen Bereich ist so manches eher dem Bereich «Wellness/Wellbeing» zuzuordnen als der Gewährleistung medizinischer Grundversorgung. Mit einem weiteren Ausbau wird aber ein Streichen fragwürdiger pharmazeutischer Mittel aus der Grundversicherung noch viel schwieriger.
3. Wenn jemand keine Schulmedizin will, ist’s doch ungerecht, dass er sie mit zahlen muss.
Bei der medizinischen Grundversorgung ist’s wie mit der Schulpflicht. Selbst wenn man für den einzelnen die freie Wahl zulässt, der Staat kann sich nicht aus seiner Verantwortung stehlen. Er muss sowohl Schülern, die von Privatschulen abgelehnt werden, wie auch kranken Personen, die sich vergeblich haben alternativ behandeln lassen, ein qualitativ gutes Angebot gewährleisten. Es geht für den Staat nicht an, zu sagen «Du hattest die Wahl, jetzt schau selbst, wie Du zu Deiner Bildung bzw. Gesundheit kommst.» Deshalb ist es richtig, dass die Finanzierung der medizinischen Grundversorgung von allen mitgetragen wird.
4. Aus dem Initiativtext lassen sich ohnehin keine konkreten Forderungen ableiten.
Eine Initiative muss (auch wenn sie als Gegenvorschlag getarnt daherkommt) immer in Zusammenhang mit den Forderungen der Initianten angesehen werden. Es ist sogar ein Gebot für die Rechtssprechung, den Verfassungsartikel unter Berücksichtigung der Stellungnahme des Initiativkomitees zu deuten.
Deshalb ist es sehr wohl von Belang, dass an oberster Stelle der «Kernforderungen» steht, dass die fünf Disziplinen, die Dreifuss im Rahmen eines Versuchsbetriebes temporär in die Grundversicherung aufgenommen hatte, alle wieder dort hinein müssen.
Es geht also beispielsweise ganz konkret auch um eine Absolution für die Homöopathie und die Anthroposophie, die beide als «Guru-Disziplinen» von den Weissagungen ihrer Gründer leben und deshalb aus Sicht ihrer Anhänger nicht mittels wissenschaftlicher Methodik überprüft und modernisiert werden dürfen.
Kein Freipass für die anthroposophische Konträrmedizin!
Um zu würdigen, inwieweit die Anthroposophie heute als ernsthaftes Erklärungs- oder zumindest als Handlungsmodell für das Gesundheitswesen brauchbar ist, sind weniger die Verlautbarungen Steiners als der Umgang mit ihnen durch die heutigen Vertreter von Belang. Wenn die Anthroposophie als Wissenschaft funktioniert, sollte es ihr leicht fallen, überholte und verquere Ansichten ihres Gründers hinter sich zu lassen und den Erkenntnisfortschritt innerhalb der Anthroposophie nach aussen zu tragen.
Machen wir den Lackmustest bei Ricardo Torriani selbst. Er veröffentlichte im Januar 2006 einen Artikel mit dem Titel «Die menschliche Konstitution als Ergebnis des Zusammenwirkens von oberem und unterem Menschen» im «Merkurstab», der Zeitschrift der anthroposophischen Ärzte. Und das klang so:
«Der Mensch – genau gesagt Ich und Astralleib – tritt in die Mondensphäre ein,wo mit Hilfe der Mondenkräfte der Ätherleib aufgebaut wird. Die Mondenkräfte werden durch die Stellung des Mondes zu Erde und Sonne modifiziert und wirken so differenzierend auf den sich aufbauenden Ätherleib. Der erste Einfluss führt zur Geschlechtsdifferenzierung. Die weiteren Wirkungen führen zum Ausbilden der Haarfarbe (und wahrscheinlich der Augenfarbe), in unserem Sinne zur Ausbildung der Konstitution für das ganze kommende Erdenleben. [...] dass dunkle Haare und Augen dadurch entstehen, dass der Stoffwechsel stark wirkt und sich bis in die Peripherie ergießt. Dagegen kommen blonde Haare so zustande, dass der Stoffwechsel mehr im Gehirn als in der Peripherie konzentriert wird.»
Dies ist keine Komplementärmedizin, dies ist KONTRÄRMEDIZIN. Und die gehört weder in die Verfassung noch in die Grundversicherung.
Mahlzeit! Die 100 leckersten homöopathischen Mittelchen
- Acidum carbolicum - Phenol (Karbolsäure)
- Acidum hydrocyanicum - Blausäure (Cyanwasserstoff)
- Acidum hydrofluoricum - Flusssäure (Fluorwasserstoffsäure), auch zum Ätzen von Glas geeignet...
- Acidum nitro-hydrochloricum - Königswasser (Gemisch aus drei Teilen konzentrierter Salzsäure und einem Teil konzentrierter Salpetersäure)
- Acromyrmex octospinosa - von fünf ganzen Blattschneiderameisen
- Aepyceros melampus - Haare der Schwarzfersenantilope
- Aepyornis maximus - Eischale des (vor rund 1300 Jahren ausgestorbenen!) Elefantenvogels
- AIDS Nosode - HI-Virus - Frauen, Schwangere, Kinder, alle dürfen’s knabbern
- Akute Pulpitis Nosode - aus geriebenem Zahnmark?
- Aluminium metallicum - Aluminium
- Ambra - Die vom Pottwal im Darm ausgeschiedene Substanz
- Amoeba Nosode - Entamoeba histolytica (Auslöserin der Darmkrankheit Amöbenruhr)
- Apis mellifica - lebende Honigbiene. Zubereitung: 1T lebende Tiere wird durch Zufügen von 1T Ethanol 94% getötet. Nach Zusatz von 1T Ethanol werden die Tiere zerkleinert. Der Ansatz wird mit 8T Et62% versetzt und 14 Tage lang unter 3maligem Umschütteln pro Tag stehen gelassen
- Ara macao - Schwingenfeder des hellroten Papagei
- Aurum arsenicosum - Goldarsenit
- Benzol - Benzol (Benzen)
- Blatta Americana - Amerikanische Kakerlake, zermahlen
- Boa constrictor adipis - Fett der Abgottschlange
- Bufo sahytiensis - Speichel der Aga Kröte
- Calcarea helicis pomatiae ssp - Weinbergschneckenhaus
- Calculi biliarii Nosode - Gallenstein
- Candida albicans Nosode - Soorpilz
- Carbo animalis - verkohltes Rindsleder
- Castoreum sibiricum - Sekret der Bauchdrüsen des sibirischen Bibers (Bibergeil)
- Cepea hortensis - ganze Gartenschnecke (unklar ob zerrieben oder anderweitig zerkleinert...)
- Charta alba - weißes Papier aus zehn verschiedenen Schnipseln gefertigt
- Chlamydosaurus kingii - Haut der Kragenechse
- Cimex lectularis - Bettwanze, lebend zerrieben
- Colostrum - Die sogleich nach der Entbindung produzierte Milch
- Conium maculatum - Schierling. Bereits in D2-Konzentrationen erhältlich. Wer will einen Becher voll?
- Coptotermes formosanus - lebende Termiten
- Dieselabgase - Auspuffgase eines Diesel-PKWs wurden 5 Minuten in Ethanol 43% geleitet
- Dinoponera gigantea - Vierundzwanzigstundenameise, gesammelt am Amazonas
- Diphterinum Nosode - die von an Diphtherie erkrankten Personen gewonnenen, häutig-fibrösen Beläge der Rachenschleimhaut
- Electricitas - Die Folgen atmosphärischer und statischer Elektrizität. Die Potenzen werden aus mit Strom gesättigtem Milchzucker hergestellt. Aha.
- Echiichthys draco - giftige erste Rückenflosse des Gewöhnlichen Petermännchen
- Enamelum - Der Zahnschmelz von extrahierten Zähnen dreier verschiedener Patienten
- Epstein Barr Nosode - Herpes-Virus
- Eurocent - Bohrspäne des Eurocents
- Excrementum canium - Kot eines mit Kuhpansen gefütterten Mischlingshundes (Mutter: Schäferhündin, Vater: Mischung aus ungarischem Hirtenhund und Setter)
- Excrementum vaccinium - Kuhmist
- Faecalis Nosode - Darmbakterien
- Fel ursi - Galle des Braunbären (Ursus arctos)
- Ferrum magneticum - Magneteisenstein
- Giraffa camelopardalis - Halsmuskel der Giraffe
- Glandula parotis - Ohrspeicheldrüse
- Gorilla gorilla - Gorillahaare
- Granitum Helsinkiensis - reiner Granit aus Helsinki
- Gryllus campestris - Feldgrille, lebend zerrieben
- Gunpowder - Schiesspulver (gemäss alter Tradition aus Kaliumnitrat, Schwefel und Kohlenstoff)
- Hekla Lava - Lavaasche aus Island. Weitere Geschmacksrichtungen: Arizona und Manam (Insel vor Neu Guinea)
- Helodrilus caliginosus - Regenwurm, mit Milchzucker verrieben
- Helium - Verarbeitung nicht im Detail erläutert...
- Heloderma horridum - getrocknetes Gift der mexikanischen Skorpion-Krustenechse
- Helix pomatia - Weinbergschnecke, lebend zerquetscht
- Hepatitis A Nosode - sterilisiertes humanes Blut eines Hepatitis A-Patienten
- Hippomanes - Steine aus nichtresorbierter Uterinmilch des Pferdes. Die getrocknete, von der Zunge eines neugeborenen Füllens entnommene Substanz
- Hypothalamus - vom Ochsen (roh)
- Iguana iguana _ Haut des Grünen Leguan
- Kalium cyanatum - Zyankali
- Lac canium e Rottweiler - frische Milch von der Rottweilerin. Auch in den Geschmacksrichtungen Beagle, Labrador, Mops, Rauhaardackel, Retriever und Schäferhund erhältlich
- Lac delphinum - Milch frisch ab atlantischem Tümmler
- Lac humanum - frische Muttermilch von EINER Frau (single milk version)
- Lac maternum - aus der Milch von 9 Frauen, 3 Tage nach der Geburt bist 10 Monate nach der Geburt (blended version)
- Lac oryctogali cuniculi - Milch des europäischen Wildkaninchens
- Lac phoca vitulina - Seehundmilch
- Lacerta agilis - getrocknete Zauneidechse
- Latrodectus hasselti - Witwenspinne, lebend zerrieben
- Latrodectus mactans - Schwarze Witwe (Spinne), weibliches Tier lebend zerrieben
- Macrothylacia rubi - Brombeer-Spinner (Schmetterling), ganzes weibliches Tier mit Gelege
- Magnesium boro-citricum - Gemisch aus 3 Teilen Magnesiumoxid, 3 Teilen Borsäure, 10 Teilen Zitronensäure und 4 Teilen Wasser
- Magnetis poli ambo - Milchzucker, der dem Einfluß eines ganzen Magneten ausgesetzt wurde
- Magnetis polus arcticus - Milchzucker oder Wasser, das unterm dem Einfluß des Nordpols eines Magneten “beladen” wurde
- Methylenum caeruleum - Methylenblau (Methylthioniniumchlorid)
- Muraea melanotis - Muräne, Mischprobe aus drei Tieren
- Ophiophagus hannah - Frisches Gift der Königskobra
- Orchitinum - Hodenextrakt
- Ovininum - frische Eierstöcke
- Ovum cuculi - Schale des Kuckucksei
- Ovum gallinae toto - ganzes Hühnerei samt Schale
- Oxyuranus microlepidotus - Gift des Inlandtaipan, auch bekannt als «giftigste Schlange der Welt»
- Palladium metallicum - Palladium
- Palladium sulfuricum - Palladiumsulfat
- Panthera pardus (saunguis) - Leopardenblut
- Panthera pardus (Urin) - selbsterklärend, oder?
- Phalangium opilio - gemeiner Weberknecht (Spinne)
- Pholcus phalangoides - Zitterspinne, lebend zerrieben
- Pel muris - frisches Fell einer jungen Feldmaus
- Pel cavae cobaiae - Goldhamsterhaare, langhaarig, vom Hinterteill des Tieres
- Propionibacterium acnes Nosode - Aknebakterium
- Rescue (Bach) - Original-Bachblüten in homöopathischen Dosen. Zur weiteren Potenzierung bei Vollmond einnehmen!
- Salamandra salamandra - das aus den Hautdrüsen des Echten Salamanders gewonnene Sekret
- Serum anguillae - Aalserum
- Serum yersiniae - Serum des Beulenpestbakteriums
- Tela aranearum - Spinnennetz
- Tetanus Nosode - sterilisiertes Tetanusimmunglobulin vom Menschen
- Thallium metallicum - Thallium (hochgiftig)
- Tuberculinum Marmorek Nosode - Aus dem Serum von mit Mycobacterium tub. humaner oder boviner Herkunft behandelten Pferden
- Tuberculinum Spengler Nosode - Immunkörper aus Kaninchenblut, das zuvor mit Kochs Alttuberkulin behandelt wurde
- Uranium aceticum - Uranylacetat (aus dem Forschungsreaktor Seibersdorf)
Wem das alles nicht behagt, versuche stattdessen eine Portion Mondstrahlen des Herbstvollmondes am 7. 10. 1987, ein Kügelchen mit (k)einem Schluck Cervisia oder geschütteltes Vacuum. Alles ist selbstredend in verschiedenen Potenzen erhältlich... Oder vielleicht doch lieber ein Kügelchen aus gepressten Kornkreisen? Möglicherweise hilft’s gegen Leichtgläubigkeit.
Homöopathie ist und bleibt Scharlatanerie
Homöopathische Präparate werden in vier Phasen entwickelt:
- Eine gesunde Person schluckt eine Substanz, von dem sich ein Homöopath eine Heilwirkung erhofft. Die zu beobachtenden Symptome (lies: Vergiftungserscheinungen) werden protokolliert. Bei der Wahl der Mittel zeigen sich die Homöopathen nicht eben zimperlich. So gehört beispielsweise auch Hundekot zu den so erprobten (und empfohlenen!) Ausgangsstoffen.
- Die Substanz wird nun als Kur für die beobachteten Symptome klassifiziert.
- Die (zumeist zerriebene) Substanz wird verdünnt, typischerweise, indem sie mit 9 oder 99 Teilen Wasser vermischt wird. Dieser Verdünnungsvorgang wird mehrfach, teilweise hundertfach wiederholt.
- Die Annahme ist, dass je stärker verdünnt die Mischung ist, desto stärker ihre Wirkung. Die Homöopathen nennen dies Potenzierung.
Typische homöopathische Präparate werden in “Potenzen” von D30 und höher verkauft, sind also garantiert wirkstofffrei - das scheint auch die Homöopathen selbst zu beruhigen. In einem aktuellen Bericht zu einem homöopathischen Selbstversuch steht:
As the participants were all medical doctors and the substance used was diluted well beyond Avogadro’s number, the study was considered a safe medical self-experiment.
Homöopathen argumentieren, dass nicht Moleküle sondern irgendwie übertragenene Information auf den Milchzuckerkügelchen haften bleibe und diese Information nach der Einnahme eben ihre Wirkung im Körper entfalte. Seit neuerem bedienen sie sich gerne der Quantenmechanik, um diese Informationsübertragung irgendwie erklären zu können. Deren Spezialisten haben derlei Postulate inhaltlich zerpflückt, beispielsweise in der Zeitschrift Homeopathy1. Sie werden aber dennoch munter aufrecht gehalten wie auch Berichte über klinische Erfolge, obschon Metastudien zeigen, dass Wirkungen über Placebo-Effekte hinaus höchstens dann eintreten, wenn mit gering verdünnten Präparaten (beispielsweise D3) gearbeitet wurde.
Placebo-Effekte - und ihr negatives Pendant, sogenannte Nocebo-Effekte, also «gefühlte» Verschlechterungen nach einer Behandlung - sind auch in der klassischen Medizin unvermeidlich. Deshalb müssen Präparate einen Effekt über die Placebo-Wirkung hinaus erzielen, um zugelassen zu werden. Wohl jeder Hausarzt verwendet zudem den Placebo-Effekt gelegentlich mit vollem Bewusstsein: Gewisse Patienten glauben nur an eine seriöse Behandlung, wenn ihnen wenigstens ein Mittelchen mit auf den Weg gegeben wird. Sobald aber ein Arzt selbst nicht mehr zwischen seiner psychologischen Wirkung und derjenigen des abgegebenen Präparates zu unterscheiden mag, wird’s gefährlich. Eine solche Person läuft Gefahr, den richtigen Zeitpunkt für eine Intervention mit einem echten Wirkstoff zu verpassen, auch wenn er oder sie nicht ganz so verblendet ist, wie dieser Homöopath, der seine Tochter zu Tode kurierte.
Nachtrag: Für die Zeitung P.S. verfasste ich eine Übersicht über die fünf Disziplinen, welche die Befürworter sofort zurück in der Grundversicherung haben wollen. Er ist hier als PDF erhältlich. Er darf gerne weiter verbreitet werden.
1 Phillippe Leick (2008): Comment on: “Conspicuous by its absence: the Memory of Water, macro-entanglement, and the possibility of homeopathy” and “The nature of the active ingredient in ultramolecular dilutions”, Homeopathy, 97, Seiten 5-51. (via sciencedirect)
Steilvorlage für Bündner Ethik-Initiative? Berliner sagen klar «Nein» zu «Pro-Reli»
611’422 Ja-Stimmen - ein Viertel der Stimmberechtigten - und die Mehrheit an der Urne hätten die Befürworter benötigt. Beide Zielvorgaben wurden klar verfehlt. Nur 346’119 BerlinerInnen unterstützten das Volksbegehren. Aufgrund der tiefen Stimmbeteiligung machte das zwar immerhin 48.5% der UrnengängerInnen aus, doch das Ergebnis ist nur scheinbar knapp. Bereits im Vorfeld wurde vorausgesagt, dass ein Vertel der Stimmberechtigten ein unerreichbares Ziel sein würde. Aufgrund dieser Hürde im Abstimmungsverfahren konnten die Gegner auch zu Hause bleiben. Sieht man einmal von der tiefen Stimmbeteiligung ab, tut sich allerdings ein überwunden geglaubter Graben auf: Die Westberliner, die sich an die Urne bemühten, sagten mehrheitlich ja, im Ostteil der Stadt war die Ablehnung deutlich.
Quelle: tagesspiegel.de
Die Befürworter gingen übrigens gerichtlich gegen den Berliner Senat vor, weil er mit Staatsmitteln für ein «Nein» warb. Dass die Pro-Kampagne unter anderem mit Kirchensteuern finanziert wurde, störte die Kläger hingegen offensichtlich nicht.
Im Gegensatz zum geplanten Zürcher Schulfach «Religion und Kultur» werden im Berliner Ethik-Unterricht nicht nur Grundzüge der am meisten verbreiteten Religionen vermittelt sondern auch weltlich-humanistische Werte. Aus diesem Grund ist es in der Tat sinnvoll, dass alle SchülerInnen einer Klasse als Gemeinschaft denselben Unterricht besuchen. Die von den Pro-Reli-Vertretern angestrebte Segregation hätte die Zielsetzungen des Fachs unterlaufen.
Genau um dieselbe Entscheidung geht es am 17. Mai im Kanton Graubünden. Die von den Juso lancierte Ethik-Initiative will, dass künftig zwei Stunden Ethikunterricht angeboten werden, die den zumeist konfessionell getrennten Religionsunterricht ablösen sollen. Die Initiative gewinnt laufend an Unterstützung: Die Jungfreisinnigen, die SP und die Unia haben alle die Ja-Parole herausgegeben. Unterstützt wird die Initiative auch von der Freidenker-Vereinigung und einem Lehrerkomitee.
Dass das heutige Modell - ein obligatorischer Religionsunterricht mit Abmeldemöglichkeit - nicht mehr zeitgemäss ist, hat auch der Regierungsrat erkannt, der mit dem Gegenvorschlag «1+1» einen Mitelweg postuliert: Eine gemeinsame Ethikstunde für alle und eine Stunde Religionsunterricht, die wie bisher von den Kirchen organisiert wird. Die halbe Stundenzahl halbiert aber die Probleme nicht, wie Reta Caspar in der Mai-Ausgabe des «frei denken.» schreibt. Die Segregation würde nicht aufgehoben, zudem ist das Modell nur für die Oberstufe vorgesehen. In der Unterstufe soll sich nach den Vorstellungen des Regierungsrates nichts ändern.
Letztlich entscheiden die Bündner am 17. Mai also zwischen einem Auslaufmodell und einem erprobten, welches in Berlin eben von der Bevölkerung unterstützt wurde. Es ist zu hoffen, dass sie diese Steilvorlage aus dem Norden verwerten.
Am 23. und 28. April: Podiumsdiskussionen zur Minarettinitiative und zur Komplementärmedizin
1. Donnerstag, 23. April, 18 Uhr
GZ Riesbach, Seefeldstrasse 8, 8008 Zürich, Seefeldstrasse 93 - Tram 2/4 bis Feldeggstrasse
Minarett- und Moscheebau:
Braucht es Grenzen?
Daniel Vischer, Nationalrat Grüne
Barbara Steinemann, Kantonsrätin SVP
Taner Hasan Hatipoglu, Präsident Verband der Islam-Organisationen Zürich (VIOZ)
Sarah Masoudi, Vizepräsidentin Ex-Muslime Schweiz
Mina Ahadi, Vorsitzende Zentralrat der Ex-Muslime (D)
Stefan Mauerhofer, Co-Präsident Freidenker-Vereinigung Schweiz (Moderation)
In Zusammenarbeit mit dem Zentralrat der Ex-Muslime
2. Dienstag, 28. April, 19.30 Uhr
Uni Zürich Zentrum, Zürich, Rämistrasse 71, Hörsaal KOL-F-118 - Polybahn / Tram 6/9/10 bis ETH/Uni-Spital
Komplementärmedizin:
Wie wichtig? Wie sicher? Wie nützlich?
Clemens Dietrich, Arzt und Homöopath
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie
Beat Meier, Dozent Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften
Urs Stoffel, Präsident Zürcher Ärztegesellschaft
Andreas Kyriacou, Präsident Freidenker Zürich (Moderation)
In Zusammenarbeit mit den medAlumni UZH
Die Podiumsdiskussion zur Komplementärmedizin ist unseres Wissens schweizweit die einzige kontradiktorische Publikumsveranstaltung zur Abstimmung! Wir freuen uns auf zahlreichen Besuch.
SP Zürich erneuert sich - Maurer und Neukomm treten ab
Das gestrige Geschenk des Gemeinderates an die unglücklich operierende Polizeivorsteherin, die Hooligan-Datenbank «Gamma», war also definitiv unnötig. Die Fichierung auf Vorrat ist ein grundlegender Verstoss gegen die Unschuldsvermutung. Der in der «Verordnung über die polizeiliche Datenbank GAMMA zu Sportveranstaltungen in der Stadt Zürich» verwendete Begriff der «Gewalt suchenden Besucher» ist rechtlich nicht abgesichert und öffnet willkürlicher Erfassung Tür und Tor.
Dies anerkannten nebst Grünen und AL auch Minderheiten der SP und der SVP. Sie ergriffen deshalb das Behördenreferendum. Die Datenbank kann nun also an der Urne versenkt und die Ära Maurer so definitiv abgeschlossen werden. Die FDP, die Feuer und Flamme für die Vorlage war, kann die Zeit bis zur Abstimmung vielleicht dazu nutzen, darüber zu sinnieren, für welche Werte sie eigentlich eintritt...
Kathrin Martelli soll Stadtpräsidentin von Küsnacht werden
Die Idee, Kathrin Martelli an die Goldküste zu holen, stammt von Alt-SVP-Nationalrat und Wahl-Küsnachter Walter Frey. Er hatte sich zusammen mit der FDP-Regierungsrätin Ursula Gut für Martellis Kandidatur engagiert und öffentlich sein Unverständnis gezeigt gegenüber dem Entscheid der Stadtzürcher SVP, Martelli für den zweiten Wahlgang nicht mehr zu unterstützen. Beim Werben für Martelli auf der Strasse im März wurde klar, dass es einen Plan B braucht. In Küsnacht, wo die bürgerliche Zusammenarbeit noch unbelastet ist, stiess Frey mit seiner Idee auf offene Ohren. Martelli, die sich als Hochbauvorsteherin dafür eingesetzt hatte, dass der Industrieerbe Frank Binder in der Zürcher Altstadt eine 1400 Quadratmeter grosse Villa bauen kann, betreibt Ortsplanung so, wie man sie sich in Küsnacht vorstellt. Man freut sich deshalb bei den beiden in Küsnacht dominierenden Ortsparteien FDP und SVP, schon bald von der Amtserfahrung Martellis profitieren zu können.
Küsnacht soll zur Stadt werden
Die gemeinsam ausgeheckten Pläne gehen aber noch weiter. Stimmen die Küsnachter am 17. Mai der Einheitsgemeinde zu, soll schon bald der nächste Schritt erfolgen: Die Umwandlung Küsnachts zu einer Stadt. Für den Freisinn hat angesichts des Wachstums der Gemeinde die Gemeindeversammlung ihren repräsentativen Charakter eingebüsst. Die Partei wirbt deshalb für die Einführung eines Parlaments. Auch bei der SVP findet man an der Idee zunehmend Gefallen - auch aus strategischen Überlegungen, wie Walter Frey betont:
Küsnacht hat bevölkerungsmässig den heutigen Bezirkshauptort Meilen hinter sich gelassen und steht davor, auch Stäfa zu überrunden. Werden wir als erste Bezirksgemeinde zur Stadt, können wir unseren regionalen Führungsanspruch besser geltend machen.
Die beiden Parteien haben sich einen ehrgeizigen Zeitplan auferlegt: Innert zwei Jahren soll die Gemeindeordnung überarbeitet werden, so dass Kathrin Martelli bereits 2012 an ausserordentlichen Wahlen Stadtpräsidentin von Küsnacht werden könnte. Die umworbene Kandidatin freut sich sichtlich:
Küsnacht hat genau die richtige Grösse für mich. In Gedanken habe ich meine Koffer bereits gepackt.
SVP-Wähler stimmten für Corine Mauch [Update]
Abb. 1: Stimmenveränderungen vom ersten (hell) zum zweiten Wahlgang (dunkel)
Vordergründig mag dies Martellis Verlust von 8557 gegenüber dem 1. Wahlgang erklären - nicht aber Corine Mauchs Zuwachs um 3625 Stimmen. Es drängen sich also ein paar statistische Analysen auf.
SVP-Anhänger dürften im ersten Wahlgang der Stadtratsersatzwahlen grossmehrheitlich «Roger Liebi» auf ihren Stimmzettel geschrieben haben. In der Tat korrelieren die Liebi-Stimmen des ersten Wahlgangs stark mit Martellis Stimmenrückgang bei der zweiten Ausmarchung ums Präsidium - ungefähr die Hälfte der SVP-Wähler dürfte tatsächlich Martelli im zweiten Wahlgang die Stimme verweigert haben. Überraschend ist aber eine zweite, nicht minder deutliche Korrelation: Diejenige der Liebi-Stimmen mit den Zusatzstimmen für Corine Mauch:
Abb. 2: Martelli brach beim zweiten Wahlgang in allen neun Wahlkreisen ein, Mauch legte überall zu. Die Veränderungen korrelieren deutlich mit den Stimmen, die SVP-Kandidat Roger Liebi im ersten Wahlgang erreicht hatte.
Die starke zweite Korrelation lässt vermuten, dass die SVP-Wähler längst nicht alle zu Hause geblieben waren, sondern zu einem ansehnlichen Teil Corine Mauch gewählt hatten. Ob dies nun war, um den Juniorpartner zu kränken oder weil sie wie SVP-Stadtpräsident Rolf André Siegenthaler erkannt hatten, dass Mauch «die intelligentere und überzeugendere Kandidatin» war, bleibe mal dahingestellt.
Update 31.03.2009 23:54: Um zu illustrieren, dass sich aus den Stimmveränderungen der beiden Kandidatinnen im Direktvergleich nur wenig herauslesen lässt, hier noch das entsprechende Streuungsdiagramm:
Die Verschiebungen von Martelli zu Mauch waren in den einzelnen Wahlkreisen sehr unterschiedlich. Nur durch den Einbezug der SVP-Wählerschaft (Abb. 2) entsteht ein interpretierbares Muster.
Abb. 3: Die Veränderungen der Wählerstimmen von Mauch und Martelli beim 2. Wahlgang korrelieren nur schwach
Von der Trivialisierung des Dozentenberufs und der Weisheit der Massen - Eindrücke vom Blogcamp 4
Im ersten Block hörte ich Dorian Selz zu, der erzählte, wie er und sein Team bei der Gründung von local.ch vorgegangen waren. Sie setzten auf die Scrum-Methode, die darauf fokussiert ist, laufend kleine, überschaubare Arbeitspakete zu definieren, welche in typischerweise zwei bis vier Wochen dauernden Zyklen, so genannten «Sprints», realisiert werden. An kurzen, täglichen Sitzungen, den «daily scrums», wird gegenseitig informiert, was erledigt ist, woran jeder arbeitet und was allenfalls das Weiterkommen behindert. Spannend war, dass bei local.ch der scrum-Ansatz nicht nur für die technische Realisierung sondern auch für die unternehmerische Entscheidungsfindung zur Anwendung kam, offenbar mit klarem Erfolg.
Im zweiten Slot stand ich mit einer kurzen Rückschau auf den bila-blog selbst vor einem kleinen, aber interessierten Publikum, welches wohlwollende Rückmeldungen auf das ungeplante Projekt und dessen Umsetzung gab - und die Schlussfolgerungen der beteiligten BloggerInnen teilte: Das Projekt hätte viel früher lanciert werden müssen und es hätte mehr Effort gebraucht, um zu besserer medialer Aufmerksamkeit zu kommen. (Michael Jäger, der den Blog in gefälliger Art innert einer Woche aus dem Boden gestampft hatte, musste leider grippehalber als Ko-Vortragender passen.)
Zum Auftakt am Nachmittag präsentierte Frank Calberg seine Ideen, wie Unterricht 2.0 auszusehen hätte: In kleinen Gruppen organisiert, partizipativ und mit dem Anspruch, dass die Lernenden möglichst selbst auch als Lehrende auftreten. Dies scheint sich in den Management-Kursen, die Frank anbietet, zu bewähren. Bei der Frage nach der Skalierbarkeit, z.B. für Uni-Vorlesungen, die Hunderte von Studierenden anlocken, blieben seine Vorschläge allerdings unbefriedigend. Der Vorschlag, kleine Lern-Teams zu bilden, ohne kundzutun, wie dies ohne dem fünf- oder zehnfachen an Ausbildnern zu bewerkstelligen ist, ist nicht wirklich hilfreich. Als grotesk muss sein Vorschlag abgetan werden, dass beispielsweise im Bereich der Neurowissenschaften Studenten in Gruppen ein Buch zu einem Thema, welches sie erlernen müssen, herausgeben könnten und dann der Verkaufserfolg auf Amazon als Indiz dafür genommen wird, ob sie ihre Sache gut gemeistert haben. Es scheint, dass Frank mit wissenschaftlicher Lehre wenig vertraut ist und sich auch nicht bewusst ist, dass es Disziplinen gibt, bei denen es anders als bei der Managementlehre tatsächlich relevant ist, dass Studienabgänger nicht nur einen bunten Titel haben sondern einen Plan von ihrem Fach (und ja, ich habe auch während einiger Jahre Kürsli besucht, um Teil der Mediocre But Arrogant-Szene sein zu können.)
Den letzten Teil bestritt Blogwerker Ronnie Grob, der aufzuzeigen versuchte, wie Blogger zur «Weisheit der Massen» beitragen können. In seinem gleichnamigen Buch postuliert James Surowiecki, dass Meinungsvielfalt, Unabhängigkeit, Dezentralisierung und intelligente Aggregation von Wissen kollektive Weisheit erzeugen. Für Ronnie bedeutet dies, dass sich Blogger eigene Meinungen leisten und Quellen hinterfragen und glaubwürdig auftreten müssen - also beispielsweise eher keine bezahlten Blogaufträge annehmen und ganz sicher nicht die Grenze zwischen eigenen Meinungen und Bezahlaufträgen verwischen, so wie es gewisse PR-Blogger tun. Offen blieb aber, ob vorhandene Meinungsvielfalt tatsächlich verhindert, dass sich die Masse so benimmt, wie es Charles Mackay bereits 1841 in seinem Buch «Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds» beschrieben hatte: Als Herde, die immer wieder und geradezu lustvoll kolossale kollektive Fehlentscheide trifft. Mackay analysierte in seinem Buch Spekulationsblasen wie diejenige der 1630er Jahre mit Tulpenzwiebeln, Quacksalbereien und Scharlatanerie sowie religiös oder politisch motivierte Hexenjagden oder Idiotien wie Vorschriften zur Haartracht (Ja, das Buch kam tatsächlich schon vor 168 Jahren heraus...) Ronnie empfahl Surowiecki zur Lektüre, ich zusätzlich Mackay - der Meinungsvielfalt wegen
Bei allen vier Beiträgen kamen lebhafte Debatten mit dem Publikum zu Stande - so wie es an BarCamps sein sollte. Natürlich durfte das Bier danach nicht fehlen. In der Commihalle plauderte ich vor allem mit blogverzeichnis.ch-, blog.ch- und krz.ch-Besitzer Patrick C. Price, David vom Substanz-Blog sowie mit Gerald, Diana und Mara von der Beizzweinull (die alle halbanonym bloggen und hier deshalb nur mit Vornamen erwähnt sind).
CVP-Richter bei der Arbeit: Rechtsbehinderung, Pornokonsum und Schlamperei
Erst Tage zuvor hatte der jurassische Kantonsrichter Pierre Boinay seinen Rücktritt eingereicht. Der Grund in schönstem Beamtendeutsch: Die «Nutzung nicht-beruflicher Sites im Internet». Im vergangenen Herbst war bereits der Solothurner Untersuchungsrichter Rolf von Felten öffentlich gerügt worden, weil er beim tödlichen Raserrennen in Schönenwerd darauf verzichtet hatte, am Unfallort zu erscheinen und für die Täter eine Untersuchungshaft anzuordnen. Auch in diesen Fällen blieb die Parteibindung in der Berichterstattung unerwähnt – beide sind sie Christdemokraten.
Von Felten wirbt übrigens auf der Website der CVP Grenchen mit dem Slogan «Mein Job ist Ihre Sicherheit». Es scheint, die öffentliche Sicherheit könnte viel eher erhöht werden, wenn die Findungskommissionen der CVP nicht nur ans Pfründe verteilen denken würden.
SVP-Pöbelei gegen Lavater-Lehrerschaft
Es würde Hans Frei gut anstehen, auch das zweite Schulgesetz, gegen welches die SVP anrannte, einmal zu lesen. Das Volksschulgesetz aus dem Jahr 2005 legt im Paragraf 50, welcher die Stellung der SchülerInnen und Eltern regelt, folgendes fest:
Der Schulbetrieb orientiert sich am Wohl der Schülerinnen und Schüler.
Speziell für Hans Frei und andere pädagogisch herausgeforderte ist diese Selbstverständlichkeit also explizit verschriftlicht. Das Wohl der SchülerInnen war auch der Grund, weshalb im Juni 2008 sämtliche in der zuständigen Kreisschulpflege Uto vertretenen Parteien meinen Antrag unterstützt hatten, sich im Namen der Gesamtbehörde beim Vorsteher der Unsicherheitsdirektion für ein Bleiberecht für die beiden Sekundarschülerinnen einzusetzen. Auch die anwesenden Parteigenossinnen und -genossen von Hans Frei stimmten dem ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung zu – an einer Sitzung notabene, an der zuvor noch heftig über die Zusammensetzung des Co-Präsidiums gefeilscht worden war.
Die Schulpflege als Aufsichtsorgan über die Schulen kann froh sein, ist die Sorge um das Wohl der Kinder auch bei der Lehrerschaft eine Selbstverständlichkeit. Dazu gehört gelegentlich auch, den Schülerinnen und Schülern Raum zu geben, damit sie sich mit Anliegen, die ihnen äusserst wichtig sind, an die Öffentlichkeit wenden können. Der Vollblutpolitiker Hans Frei müsste eigentlich erfreut sein, dass Staatskunde nicht immer als trockenes Theoriefach unterrichtet wird.
Aargauer Grossratswahlen: Wer mit den Prognosen richtig lag
Alle lagen nur teilweise richtig. Die kleinste Abweichung gelang Reto Müller, der 127 der 140 Sitzzuteilungen richtig erraten hatte, allerdings hatte er in seiner Prognose gleich 141 Sitze verteilt (deshalb die eigentlich unmögliche ungerade Zahl bei den Abweichungen). Nimmt man die Punktlandungen pro Partei als Basis, lag ich am nächsten beim Schlussresultat.
Rang nach Anzahl falscher Sitze
1. Reto Müller – 13
2. René Kunz – 16
3. Andreas Glarner, Matthias Kim Leng Teh, Andreas Kyriacou, Markus Lüthy, Beat Unternährer – 18
Rang nach Anzahl falscher Parteiprognosen
1. Andreas Kyriacou – 4
2. Markus Koch, Markus Lüthy, Reto Müller, Beat Unternährer – 6
Die schlechtesten Prognosen lagen bei bis zu 36 der 140 Sitze und 10 der 14 Parteien daneben. Max Knecht, wohl meistbefragter Prognostiker im Aargau, lag mit 22 falsch zugewiesenen Sitzen und falschen Prognosen bei acht Parteien nur im Mittelfeld.
Fall Comagic: Regierungsrat wird von allen Seiten heftig kritisiert
Dass der regierungsrätliche Entscheid von der Politik nicht getragen wird, ist seit langem klar. Im Juni 2008 hatten sämtliche Fraktionen der zuständigen Kreisschulpflege meinen Antrag unterstützt, bei Regierungsrat Erich Hollenstein für ein Bleiberecht für Comagics einzutreten. Im Monat darauf folgten persönliche Erklärungen der Kantonsrätinnen aus dem Quartier, Françoise Okopnik (Grüne) und Sabine Ziegler (SP). Und diesen Januar sprachen sich in der Quartierzeitung Zürich 2 die beiden SVP-Gemeinderäte Rolf Stucker und Mauro Tuena ebenfalls deutlich dafür aus, der Familie den Verbleib in ihrer vertrauten Umgebung zu ermöglichen.
Geprägt ist die Medienveranstaltung allerdings nicht von politischen Stellungnahmen sondern vom Engagement der Schülerinnen und Schüler. Sie drücken mit Gedichten, Liedern und Ansprachen ihre Solidarität aus. Der mehrheitlich aus Landvertretern zusammengesetzte Regierungsrat interessiert sich allerdings nicht für das Gemeinschaftsleben in der Stadt Zürich. Es ist an der Zeit, dass das urbane Zürich ein eigenständiger Kanton wird!
Foto: Timothy Stocker
Katholische Moraltheorie: Holocaustleugner gut, Vergewaltigungsopfer schlecht
Die Exkommunion, so der alte Mann in der Narrenkappe, musste gar nicht extra angeordnet werden, die sei nämlich zwingend für alle, die an einer Abtreibung beteiligt sind, die leitende Ärztin und weiteres Spitalpersonal eingeschlossen. Das sei ein Gesetz Gottes, und dieses stehe immer über von Menschen definierten Regeln.
Nicht betroffen vom kirchlichen Rauswurf ist selbstredend der Täter. Für ihn gilt dasselbe wie für den Holocaust-Leugner Williamson: Er ist ein braves Schaf, wie es der Oberhirte im Himmel gerne hat.
Cardoso:
Die Narrenkappe ist Programm
Ein Fall für den Presserat: Der Tages-Anzeiger als Werbeplattform
Dieser Gefälligkeitsbeitrag ist ein klarer Verstoss gegen die Pflichten der JournalistInnen, wie sie der Schweizerische Presserat definiert hat. Punkt zehn besagt:
Sie vermeiden in ihrer beruflichen Tätigkeit als Journalistinnen und Journalisten jede Form von kommerzieller Werbung und akzeptieren keinerlei Bedingungen von seiten der Inserenten.
Die Online-KommentatorInnen sind ziemlich einhellig der Meinung, dass der Beitrag verantwortungslos ist. Mal schauen, ob es der Presserat auch so sieht. Wir bleiben dran...
s.a. 11.01.2009 Von Gauklern, Scharlatanen und Scheinwissenschaftlern
* Online erscheint der Artikel zeitgleich bei tagesanzeiger.ch, bazonline.ch, derbund.ch, bernerzeitung.ch und thurgauerzeitung.ch
Willkommen zurück, Internet-Explorer-Nutzer
Diese Webseite ist mit Rapidweaver erstellt, einem Programm für Mac OS X, zu welchem eine ansehnliche Vorlagenbibliothek existiert. Plugins erweitern die Funktionalität, so ermöglicht beispielsweise das Pluskit die einfache Verwendung des lightbox-Effekts zur Vergrösserung von eingebetteten Bildern.
Leider funktioniert das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten nicht immer einwandfrei, wie die ungültige DOCTYPE-Definition XHTML 1.0f zeigte. Offenbar haben auch andere ähnlich leidvolle Erfahrungen gemacht, deshalb sei hier kurz wiedergegeben, was Abhilfe schafft:
1. Youtube-Videos auf W3C-konforme Art einbinden.
2. In den allgemeinen Seiten-Einstellungen (general page info) der (unsichtbaren) Pluskit-Seite als Ausgabeformat ‘default’ wählen.
So wird tatsächlich gültiger XHTML-Code erzeugt. Internet-Explorer-Nutzer können also wieder mitlesen.
Für das schnelle Erstellen von statischen Webseiten ist Rapidweaver ganz passabel, als Blogging-Tool war es aber definitiv die falsche Wahl. Aber nach einigen hundert Beiträgen wäre eine Migration nach Wordpress mit einem beträchtlichen Aufwand verbunden...
Zum 20. Todestag von Konrad Lorenz: Untersuchungsmaterial für Ethologen
Der Ansatz von Lorenz und Tinbergen setzte auf der von Darwin geprägten Evolutionslehre auf, stellte aber das Verhalten, nicht körperliche Merkmale in den Vordergrund. Für kooperatives Verhalten postulierte Lorenz einen inneren Drang zur Arterhaltung. Seine Annahme war, Individuen würden andere Individuen, die enger mit ihnen verwandt sind, häufiger verschonen als solche, die es weitläufiger sind. Hiernach müssten Löwen mit anderen Löwen bevorzugt kooperieren, dem nachranging aber mit anderen Katzen und schließlich mit andere Carnivoren (Beispiel aus dem Wikipedia-Eintrag).
Weder Lorenz als Person noch sein Beitrag zur Forschung haben den Zahn der Zeit unbeschadet überstanden. Seine nationalsozialistische Einstellung - er hatte in den 1940er Jahren von der «Verhausschweinung des Menschen» durch den Wegfall natürlicher Selektionsmechanismen gesprochen - holte ihn ein, nur schon deshalb, weil er auch noch in den 1970er Jahren zu ähnlichem Vokabular gegriffen hatte, um zivilisatorische Zerfallserscheinungen zu beklagen. Seine Schülerin Hanna-Maria Zippelius zeigte später auf, dass die Instinkttheorie methodische Schwächen aufwies und sich Verhaltensstudien von Lorenz und Tinbergen nicht reproduzieren liessen, möglicherweise gar, weil die beiden Autoren Daten selektiv veröffentlicht oder zurückbehalten hatten.
Die Idee der Arterhaltung schliesslich wurde in erster Linie durch Dawkins’ Theorie des selfish gene widerlegt. Scheinbar selbstloses Verhalten wird vielmehr als reziproker Altruismus gedeutet, also einem allenfalls zeitverschobenen Geben und Nehmen. Trotz dieser Kontroversen verdient der Begründer der «Tierpsychologe», wie Lorenz die Disziplin selbst genannt hatte, im Darwin-Jahr eine Erwähnung.
Und auch den heutigen Ethologen bleiben noch offene Fragen, beispielsweise wie die in beiden Filmen dargestellten Verhaltensmuster gemäss den vier Tinbergen-Fragestellungen zu deuten sind...
Alles Instinkt oder was?
Artübergreifender Altruismus?
Unpopulär aber nötig - ein «Nein» zur Komplementärmedizin-Vorlage
Gemäss Umfragen befürwortet eine Mehrheit der Bevölkerung die Wiederaufnahme der Komplementärmedizin in die obligatorische Krankengrundversicherung. Und das dürfte mit ein Grund sein, wieso kaum einer genauer hinschaut, man will es sich von links bis rechts nicht mit dem Volk verderben.
Es gibt aber gute Gründe, eben doch genauer hinzusehen. In einer kleinen Serie werden auf diesem Blog deshalb die Initiative, das Umfeld der Initianten, die einzelnen Angebote, mögliche Kostenfolgen und dergleichen ausgeleuchtet.
Beginnen wir mit einem Blick auf die Anbieter: Die Initianten betonen, dass sie daran interessiert sind, dass nur seriöse Leistungserbringer in den Genuss von Krankenkassenvergütungen kommen. Doch unabhängig davon, wie man die fünf Leistungsarten bewertet, die von 1999 bis 2006 in die Grundversicherung Aufnahme gefunden hatten: Das Umfeld der Initianten lässt nicht darauf schliessen, dass sie an einer Flurbereinigung arbeiten. Eine kleine Stichprobe zeigt dies deutlich: Ausgehend vom Anbieterverzeichnis von complemedis, einem Anbieter chinesischer Heilmittel, der hohe Qualitätsansprüche geltend macht, wurde nach grösseren Ausbildern und Praxen im Kanton Zürich mit Online-Informationen gesucht. Hier zwei Kostproben, die nicht als konkrete Einzelfälle interessieren sondern als Stellvertreter dienen sollen:
Creatingspace ist nach eigener Darstellung eine anerkannte Schule für traditionelle chinesische Medizin (TCM). Zum hauseigenen Angebot gehören aber auch Astrologie und Numerologie - Quacksalbereien, die natürlich auch künftig kaum Chancen haben, in den Genuss von Krankenkassenvergütungen zu kommen. Aber es zeigt, dass angeboten wird, wonach der Markt schreit, nicht, was als Teil des Gesundheitswesens angesehen kann.
Website creatingspace.ch (Ausschnitt): TCM, Astrologie, Numerologie - alles da
Die Praxis Seegarten präsentiert sich nüchterner, viele Angebote sind eher technologisch - einige würden sagen, «schulmedizinisch» - ausgerichtet. Nur haben auch sie grossmehrheitlich nichts mit der Leistungspalette zu tun, die durch die Grundversicherung abgedeckt sein soll. Allerlei Anti-Aging und Wellness-Behandlungen werden feilgeboten, darunter auch die Chelat-Therapie, die klar als gefährliche Quacksalberei gebrandmarkt wurde. Auch hier wird das Angebot mit TCM abgerundet.
Website praxis-seegarten.ch (Ausschnitt): Anti-Aging, TCM und Quacksalberei bunt gemischt
Vordergründig könnten die beiden Anbieter nicht unterschiedlicher ausgerichtet sein: Ersterer richtet sich an ein eher esoterik-, zweiterer eher an ein technikgläubiges Publikum: Dreierlei eint sie aber: Ihr Angebot hat nur zu einem kleinen Teil mit medizinischer Grundversorgung zu tun, zu den angebotenen Leistungen gehören explizit auch nutzlose oder gefährliche «Therapien» und - last but not least - sie werden ausdrücklich von einem der grössten Mitspieler im Komplementärmedizinmarkt empfohlen.
Auch zehn Jahre nach der provisorischen Aufnahme einiger komplementärmedizinischer Disziplinen in den Leistungskatalog gilt in der Branche offenbar anything goes. Das zeigt, dass weder sie noch die Initianten ihre Hausaufgabe gemacht haben.
Damit sei die Diskussion lanciert. Im Wochenrhythmus geht’s weiter. Nächsten Donnerstag geht’s weiter mit der Vorstellung der ersten Behandlungsform, die nach Vorstellung der Initianten wieder in den Leistungskatalog aufgenommen werden soll, der Neuraltherapie.
Mohammed muss in die Schmuddelecke
Christen befürchten nun allerdings, dass Kinder sich künftig für Harry Potter oder die Dark Materials-Trilogie entscheiden könnten, wenn sie nicht mehr an die Bibel rankommen. Ungeklärt bleibt zudem, ob in den Leicestermer Bibliotheken auch die Bücher, in denen zum Jihad gegen Nichtmuslime aufgerufen wird, künftig in den obersten Regale untergebracht werden oder ob diese als Lebenshilfefibeln besser zugänglich bleiben müssen.
(via hpd.de)
Pokern für Jesus und beten gegen Schwule - die Zürcher Citychurch in Aktion
Gänzlich ohne irdische Freuden scheinen aber auch die City Churchianer nicht auskommen zu wollen. Die Kirche veranstaltet ab Ende März die Church Series of Poker. Und die Besucher sollen sich restlos wohl fühlen. Die Ankündigung im Netz jedenfalls verspricht:
Die Service-Girls bringen dir die Drinks und den Food direkt an den Platz.
Es werden wohl alles kirchlich geprüfte Heteras sein.
Agentur C will Gläubige mit neuen Plakaten aufrütteln
Die Agentur C hat einen göttlichen Auftrag: Mit ihrem Siebenjahresplan soll sie die Worte der Bibel in die entrückte Gesellschaft hinaustragen. Der Agentur wird zuweilen vorgeworfen, fundamentalistisch aufzutreten und gleichzeitig die unangenehmen Seiten der Bibel auszublenden. Nun reagiert sie auf diese Kritik.
Geschäftsleiter Peter Stucki erklärt: «Im Psalm 11 steht ‘Der HERR prüft den Gerechten und den Gottlosen’. Wir müssen also auch die schwer erklärbaren Botschaften der Bibel präsentieren. Nur wer auch diese erträgt, kann sich zu den Gerechten zählen. Den Gottlosen hingegen wird der HERR Feuer und Schwefel und Glutwind zum Lohne geben.»
Eine erste Auswahl der neuen Phase IV der Kampagne wird hier erstmalig abgebilet:



Einzelne Bibelquellen wurden hier bzw. hier gefunden. Eine derartige Plakataktion wurde bereits hier vorgeschlagen.
Verschenkt die serbelnden Autohersteller an Solarunternehmer
Die Offerte wurde schnell als publicity stunt abgetan, ausserdem wurde sowohl vom umworbenen Fahrzeughersteller wie auch von Kommentatoren betont, dass ein herauslösen von Opel aus dem GM-Konzern überhaupt nicht in Frage käme. Solarworld hatte allerdings bereits 2006 einen beträchtlichen Wachstumsschub auf vergleichbare Art erreicht: Der Konzern übernahm die Solarsparte von Shell, liess sich dafür eine Kompensationszahlung von 100 Millionen Euro zahlen und führte die neue Tochter ein Jahr später in die schwarzen Zahlen. So wurden Produktionsstandorte und zukunftsfähige Arbeitsplätze gesichert.
GM erhielt im Dezember 2008 13.4 Milliarden Dollar Staatshilfe und kündigte vor vier Tagen an, mindestens weitere 9.1 Milliarden zu benötigen. Seit drei Tagen gilt die skandinavische Tochter Saab als bankrott und soll aus dem Mutterkonzern gelöst werden. Neu wird dies auch für Opel gefordert - zwei Monate nach dem kategorischen Nein zum Solarworld-Angebot. Vorgeschlagen wird nun, die beiden europäischen GM-Töchter zusammenzuführen und ihnen mit milliardenschweren Subventionen unter die Arme zu greifen. Alleine für Opel sollen nach Vorstellungen von Verwaltungsrat Armin Schild Staatsgarantien von 3.3 Milliarden Euro bereit gestellt werden, für Saab will GM 590 Millionen Euro vom schwedischen Staat - damit munter weiter am Markt vorbei produziert werden kann.
Es ist wohl definitiv besser, die Firmen an Unternehmen abzutreten, die verstanden haben, wie der motorisierte Individualverkehr künftig aussehen muss. Solarworld glaubt gemäss ihrer Medienmitteilung vom vergangenen November, dass Opel Teil der Lösung statt Teil des Problems sein könnte:
An den vier deutschen Opel-Standorten soll nach Vorstellung der SolarWorld AG künftig neben der nachhaltigen Weiterentwicklung der erfolgreichen Baureihen eine neue Fahrzeuggeneration mit energieeffizienten und emissionsarmen Antrieben produziert werden. [...] Die Herausforderungen des Klimaschutzes und des Marktes lassen sich nur durch einen Übergang von Automotive- zu Sunmotivekonzepten bewältigen', sagte SolarWorld Chef Frank H. Asbeck. Der Konzern arbeitet bereits seit einigen Jahren an der Entwicklung und Erprobung von Elektrofahrzeugen, die mit Solarenergie erfolgreich Rennen bestreiten.
Worauf warten GM und die Standortländer eigentlich noch?
Von Atlantis und Openmindedness [Update]
Zwei Kommentatoren weisen darauf hin, dass es eine aussergewöhnlich grosse Stadt hätte gewesen sein müssen angesichts der Dimensionen von rund 110 x 160 km. Ein weiterer Leser warnt, dass die abgebildeten Satellitenbilder nicht unbedingt der Wirklichkeit entsprechen und verweist auf die Stelle 0° 0'21.07"N 94°50'2.05"E, die in Google Earth wie folgt aussieht:
Was ein überzeugter Ufologe sein will, lässt sich aber natürlich von derlei Nörgeleien nicht bremsen. Das klingt dann so:
Nun gilt es zu akzeptieren dass es Technisch Hoichinteligente Wesen gab und immer noch gibt, die keiner Menschenrasse angehören."OPEN YOUR MIND".
Speziell für den Schreiber dieses Leserbeitrags die Gesundheitswarnung von Tim Minchin, welchen man beim Tagesanzeiger als Kommentar nicht aufschalten mag:
Tim Minchin: If you open your mind too much, your brain will fall out
Update 17:20 Uhr: Die britische Zeitung Daily Mail wartet inzwischen mit einer gar profanen Erklärung auf:
According to Google, the pattern is an "artifact" of its map making process. Details for the ocean maps on Google Earth come from sonar measurements of the sea floor recorded by boats - and the area around the Canaries was mapped by boats travelling in a series of straight lines.
Danke an Patrick Tschudin für den Hinweis auf den Artikel, den er bei infamy gepostet hat.
Luzern: Radikale Christen drohen mit Anschlägen
Die VBL haben Strafanzeige eingereicht, lassen sich aber dennoch einschüchtern. Sie wollen gemäss 20 Minuten die Plakate nun ablehnen.
Von Business-Plänen und islamistischer Image-Werbung
Im US-Staat New York hat ein Mann seine Frau enthauptet, nachdem sie die Scheidung eingereicht hatte. [...]. Der Täter leitete einen Fernsehsender, mit dem er nach eigenen Angaben einem negativen Image von Muslimen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 entgegenwirken wollte.
Gemäss CNN kam die Idee zur Image-Werbung folgendermassen zustande:
Hassan came to America from Pakistan 25 years ago and became a successful banker, but he and his wife were troubled by the negative perception of Muslims, Voice of America reported in 2004. Speaking in December 2004, Hassan said his wife, then pregnant, was worried about that perception and «felt there should be an American Muslim media where her kids could grow up feeling really strong about their identity as an American Muslim.» «So she came up with the idea and turned to me and said, 'Why don't you do it?' » he said. «And I was like, I have no clue about television. I'm a banker. ... And her comment was, 'You have an MBA. Why don't you write a business plan?' »
Der Business Plan gilt nun wohl als gescheitert.
Aufstand der Zwinglianer
Derlei Reaktionen zeigen, wie nötig die Freidenkerkampagne ist. Als Sittenwächterinnen wurden die Mediensprecherinnen wohl kaum angestellt. Es wäre gut, sie würden einfach ihren Job machen - und vielleicht versuchen, das Leben zu geniessen.
Die «Atheist Bus Campaign» kommt in die Schweiz
Der Spruch fordert auf, sich nicht von Unheilsverkündigungen und anderen verqueren Botschaften religiöser Organisationen einschüchtern zu lassen. Entsprechend lauten die Webauftritte der Kampagne www.geniess-das-leben.ch, www.profite-de-la-vie.ch und www.goditi-la-vita.ch.
In der Schweiz ist insbesondere die christliche Agentur C damit beschäftigt, ihre religiösen Botschaften dauerhaft hinauszuposaunen (s. Bild). Sie steckt gerade inmitten eines Sieben-Jahres-Plans zur «Verankerung Gottes Wort in der Schweiz». Die Hälfte dieser sieben dunklen Jahre sind allerdings verstrichen, ohne dass die Mehrheit der Bevölkerung vom Geheimplan viel mitgekriegt hätte. Die Atheist Bus Campaign ist als einmalige Aktion geplant. Es ist zu hoffen, dass sie besser wahrgenommen wird. Die Cover-Story in der heutigen 20 Minuten-Ausgabe ist schon mal ein guter Auftakt. Am Mittwoch folgt ein Rundschau-Beitrag.
Facebook-Cause zum Thema
08.02.2009 There's probably no limit - Businserate selbst gemacht
Abstammungslehre und persönliche Präferenzen
«Ich stamme lieber von Gott ab als von einem Affen» meint ein Kommentator des Tages-Anzeiger-Interviews mit Pius-Bruder Franz dem Schrecklichen. Die Wunschäusserung hat zwar wenig mit dem Interview-Inhalt zu tun, ist aber irgendwie nachvollziehbar. Den Primaten wurde durch die Evolution ein überdimensionierter Frontallappen mit auf den Weg gegeben. Die damit verbundenen kognitiven Fähigkeiten bringen einen allerdings zuweilen arg ins Grübeln. Die Leichtigkeit des Seins erreicht wohl eher, wer frei von derlei Ballast ist.
Darwin-Ausstellung im Naturhistorischen Museum Bern - verpasste Chance
In einer ersten Vitrine wird das Prinzip der Mutation anhand einer Genmanipulation an der Fruchtfliege, dem erstmaligen Auftreten von blauen Augen beim Menschen vor rund 6000 Jahren und ungewöhnlichen Fellfarben aufgrund von hohen oder tiefen Melaninanteilen erläutert. Der nächste Kasten ist dem Thema Variation gewidmet und zeigt, wie beim Mäusebussard und der Hummel-Ragwurz-Orchidee innerhalb derselben Art gewisse Merkmale sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Daneben wird auf das Prinzip der Selektion eingegangen und am Beispiel des Hornkäfers gezeigt, wie sexuelle Selektion der Anpassungsfähigkeit an die Umwelt entgegenwirken kann und wie der Mensch beim Hund durch Zucht auf dessen Evolution Einfluss nahm. Die drei Kästen sind zwar logisch angeordnet und sollen aufzeigen, wie Mutationen zu Variationen in einer Bevölkerung führen und diese wiederum eine Grundlage der Selektion sind. Doch die Besucher werden nicht wirklich geführt, es wird kaum versucht, eine schlüssige Geschichte zu erklären. So bleibt beispielsweise unerwähnt, dass es immer einen umweltbedingten Selektionsdruck braucht, der unter anderem dadurch entsteht, dass Tiere wie Pflanzen mehr Nachkommen erzeugen, als die Umwelt aufnehmen kann.
Nach den drei Vitrinen - sie werden auf der anderen Seite des Korridors begleitet von kleinen Schaukästen mit kaum kommentierten ausgestopften Finken und anderen Vogelarten - erwartet den Zuschauer ein Kurzfilm, der das Entstehen einer neuen Art illustrieren soll. Ein Erzähler in einer Werkstatt - der Sinn der Kulisse erschloss sich mir nicht - berichtet von zwei Migrationsbewegungen von Buchfinken vom europäischen Festland auf die Kanarischen Inseln. Er erläutert, dass aufgrund des grossen Zeitabstandes zwischen den beiden Ansiedlungen und der leicht unterschiedlichen Entwicklungen, welche die beiden Populationen durchgemacht hatten, sich zwei Arten gebildet hatten, die sich trotz des erneut gemeinsamen Lebensraums nicht mehr untereinander kreuzten. Es scheint, also ob sich die Macher nicht recht entscheiden konnten, ob der Film lehrhaft oder witzig sein sollte. Eins aber ist sicher: Die meisten Zuschauer liefen nach wenigen Sekunden desinteressiert weiter - trotz (oder wegen?) der die ganze Ausstellung durchdringenden Lautstärke.
Nach der Leinwand geht’s bereits wieder Richtung Ausgang. Auf der Rückseite der Vitrinenwand erwarten den Zuschauer weitere Schaukästen, eine mit einer Ammonitensammlung und einer Zeittafel, an der mehrere Besucher rätselten, wie sie denn zu lesen war. Im benachbarten Kasten geht’s um die Menschwerdung. Und spätestens hier wird’s leider richtiggehend ärgerlich. Nach dem Prinzip der Kladistik sind ausgestorbene und heutige Primatenlinien aufgeführt, ganz rechts symbolisieren die Schädel des Menschen und der grossen Menschenaffen die aktuellen Gattungen. Die sind allerdings nur auf lateinisch beschriftet, wer also nicht weiss, dass Pan Schimpansen und Pongo Orangutans sind, kommt mit der Darstellung wohl kaum klar. Das sind völlig unnötige Hürden bei einer Ausstellung, die sich nicht an ein Fachpublikum richtet.
Die Entwicklung der Primatenarten (Ausschnitt):
Kaum Erläuterungen und ausschliesslich lateinische Beschriftungen (Handyfoto)
Vielleicht muss, wer eine Ausstellung sehen will, die Darwin gerecht wird, nach London gehen. Ali Arbia jedenfalls empfiehlt in seinem Blogbeitrag die Ausstellung «Darwin: Big idea, big exhibition» des dortigen Naturhistorischen Museums.
Fahrzeuge mit reduzierter Lebensdauer - Porsche macht VW Konkurrenz
Im besonders konjunkturanfälligen Hochpreissegment sind die Hersteller deshalb dazu übergegangen, Aktivverschrottungstechnologie™ in ihre Fahrzeuge einzubauen. Sie ermuntert den Fahrer (bzw. dessen Erben), von der Verschrottungsprämie lange vor den ersten Rostschäden Gebrauch zu machen.

Aktivverschrottung: Porsche Erlkönig (links) schlägt VW Phaeton (Bilder: 20 Min / Tagi)
Als Technologie-Leader galt bisher VW. Testfahrer Jörg H. aus K. schaffte es im vergangenen Oktober, die Lebensdauer eines Phaeton auf drei Monate zu begrenzen. Doch die Konkurrenz holt auf. Porsche hat mit dem Modell «Erlkönig» ein Cabrio entwickelt, welches es ermöglicht, schon bei Neufahrzeugen die Prämie zu beanspruchen. Ungelöst bleibt vorerst einzig die damit verbundene hohe Fluktuation bei den engagierten Testfahrern.
Die Welt verstehen - heute mit Pius-Bruder Franz Schmidberger
Diese Klärung verdanken wir Pater Franz Schmidberger, CEO der der deutschen Niederlassung der Priesterbruderschaft St. Pius X und gemäss dem SWR-Magazin Report Mainz ein enger Vertrauter von Gründervater Marcel Lefebvre. So hatte er diesen bei der Weihe der kürzlich vom Vatikan rehabilitierten vier Bischöfe assistiert.
Da stellt sich die Frage, wieso sich die Pius-Brüder überhaupt die Mühe machen, den Holocaust zu leugnen. Denn der war ja nur gegen Menschen, nicht gegen ihren Gott gerichtet. (via hpd.de.)
27.05.2008 Die Welt verstehen - heute mit Sharon Stone
Keine falschen Anreize: Boni für abgewählte Regierungsräte streichen
Die Berufsrente für vollamtliche Exekutivmitglieder geht von einem mythischen Bild des Berufspraktikers mit Milizpolitikervergangenheit aus, der irgendwann die Berufung in die höhere Politik annimmt und dabei auf wundersame Weise zum elder statesman mutiert.
Neu soll es gemäss dem heutigen Parlamentsentscheid keine lebenslängliche Rente mehr geben sondern eine Abgangsentschädigung, ein für eine derartige Kaderstelle übliche und politisch vertretbare Vereinbarung.
An einem hält der Kantonsrat aber fest: Wer abgewählt wird, soll besser wegkommen als wer freiwillig aus dem Amt scheidet. Das ist ein völlig unsinniges Anreizsystem. Es fördert das Ausharren und Wiederantreten - im Zweifelsfall auch als wilde Kandidatin oder Kandidat - von Personen, die nur ungenügenden Rückhalt geniessen. Selbstredend, es werden immer wieder Personen vorwiegend deshalb abgewählt, weil gerade die politische Grosswetterlage gekehrt hat. Das ist hart, zuweilen ungerecht, aber zwingendes Element des Politsystems. Wer sich um einen Exekutivsitz bewirbt, geht bereits beim allerersten Wahlkampf Risiken ein. Wer diese scheut, soll sich einen anderen Job aussuchen.
08.02.2008: Lebenslange Renten für Exekutivmitglieder abschaffen!
Zürcher FDP-Basis lässt Parteileitung und SVP erneut im Regen stehen
Beim Stadtpräsidium hingegen bleibt vorerst alles offen. Die Freisinnige Kathrin Martelli überrundete Mauch um knapp 1300 Stimmen, beide blieben aber unter dem absoluten Mehr.
Auffallend ist die grosse Differenz zwischen der Stimmenzahl Martellis fürs Stadtpräsidium und derjenigen von Roger Liebi (SVP) für den Stadtrat. Martelli erhielt 39’408 Stimmen, Liebi nur 17’909 - obschon SVP wie FDP dazu aufgerufen hatten, Martelli ins Präsidium und Liebi in den Stadtrat zu wählen.
Es wiederholt sich die immer gleiche Geschichte: Die SVP-Basis unterstützt brav die KandidatInnen des Freisinns, in umgekehrter Richtung wird aber an der Urne die Liebe verweigert. Je gekränkter sich die SVP beim zweiten Wahlgang am 29. März zeigt, desto düsterer sehen die Prognosen für Kathrin Martelli aus.
There's probably no limit - Businserate selbst gemacht
Was im vergangenen Juni als verwegene Idee begonnen hatte, ist zum weltumspannenden Phänomen geworden. Der Aufruf der Guardian-Kolumnistin Ariane Sherine, Geld zu spenden, um Londoner Busse mit einem säkularen Inserat zu schmücken, fand unerwartete Resonanz: 5500 britische Pfund hatte man sich als Sammelziel gesetzt, vor wenigen Tagen wurde die Grenze von 150’000 Pfund überschritten. Seit Januar sind nun in ganz Grossbritannien (mit Ausnahme von - wen wundert’s? - Nordirland) Busse mit dem Slogan «There’s probably no god. Now stop worrying and enjoy your life.» unterwegs. Und bereits hat die Atheist Bus Campaign Nachahmer in Spanien, Kanada, den USA und anderswo gefunden.
Seit der Lancierung gab es immer wieder mal Debatten, welches der passendste Slogan sei. Es wurden dabei auch weitaus weniger zurückhaltende Varianten vorgeschlagen. Egal ob man’s lieber subtil oder überdeutlich mag, dank des Bus Slogan Generators kann nun jeder seine eigenen Businserate gestalten - zumindest virtuell:
Der Generator lässt sich natürlich auch verwenden, um weitaus weltlichere Autoritäten anzuzweifeln (Nein, Nicht-Informatiker müssen diesen Slogan nicht verstehen):
Das Gefasel über anonyme Referendumskomitees
Die Siggsche Empörung schlug offenbar zu wenig Wellen, so dass sein Kanzleisprecher Hansruedi Moser gestern nachhakte und kund tat, als Massnahme gegen die Demokratie 2.0 sei eine Erhöhung der Unterschriftenzahl zu prüfen. Nur einen Tag später kommt nun das Dementi: War alles gar nicht so gemeint. Irgendjemand in der Bundeskanzlei ist offenbar kräftig auf die Notbremse getreten. Immerhin. Die beiden Herren stellen sich nun hoffentlich darauf ein, dass ihnen die Beglaubigungsarbeit so schnell nicht ausgeht.
Philippe Welti, PR-Blogger und Stoehlker-Mitarbeiter geht unter die Spammer
102 mal Spam via Facebook: So macht Stoehlker-Mitarbeiter Philippe Welti Werbung für sein Familienunternehmen
Beim Anschauen der Gruppe wurde sofort klar, wie ich in den Adressverteiler kam. Der eigentliche Urheber ist das einzig andere Mitglied dieser Gruppe, Philippe Welti, PR-Blogger und Stoehlker-Mitarbeiter. Dieser Welti ist auch Inhaber der Domain, mit dem sich das Fereinresort auf dem Web präsentiert. Welti kam einzig und allein zu meiner email-Adresse weil ich ihm vor einem halben Jahr mal auf ein technisches Problem bei seinem Blog hingewiesen hatte. Das war der einzige Kontakt zwischen uns. Als Freipass zum Spammen - dazu noch über eine Drittperson und via Facebook - war dies sicher nicht gedacht. Ein Kommentar, den ich gestern auf seinem Blog abgesetzt hatte, mit der Aufforderung, dies künftig zu unterlassen, verschwand in Windeseile. Welti, der sein Blog mit der Catchline «Medien und Kommunikation: Verstehen, was ist» versehen hat, will offenbar beim Fernmeldegesetz selbiges auf die harte Tour erreichen.
SVP fordert mehr Steuerinspektoren!
Je erfolgreicher die Steuerdetektive ermitteln, umso mehr werden sie benötigt und gerufen. Ein Ausbau ist somit unverzichtbar und notwendig. Die Steuerinspektoren tragen zur Entlastung der Steueramtmitarbeitenden bei und ihre Kosten werden durch ihre aufgedeckten Fälle egalisiert.
Nun, die SVP hätte damit einen bemerkenswerten Auftritt hinlegen können. Hat sie aber nicht. Sie war selbstredend gegen die beantragte Aufstockung - im Verbund mit den Steuerhinterzieherverstehern von FDP und CVP.
Der obige Text stammt in Wirklichkeit aus einem Postulat der beiden Stadtzürcher SVP-Gemeinderäte Mauro Tuena und Roger Bartholdi. Und es ging darin um Sozial-, nicht um Steuerinspektoren. Die Wirklichkeit der SVP war halt schon immer eine etwas andere.
(Mit Dank an Sandro Feuillet für den Live-Bericht aus dem Ratssal).
Musikinitiative zustande gekommen - und nun?
Was auf den ersten Blick sympathisch erscheinen mag - das Volk bestimmt, was an der Volksschule unterrichtet wird - geht so nicht wirklich auf. Es kann nicht sein, dass alleine der Organisationsgrad von Interessenvertretern bestimmt, welche Fächer neu in den Lehrplan aufgenommen werden. Man kann schlicht nicht endlos Zusatzstunden anhäufen.
Ein Beweggrund für die Musikinitiative war, dass schweizweit das Angebot an ausserschulischem Musikunterricht sehr uneinheitlich ist. Dass die Initianten hier Druck machen, ist nachvollziehbar. Bei der Forderung nach neuen Pflichtstunden stellt sich aber eine ganz andere Frage: Darf’s aus Sicht der Initianten lieber etwas weniger Mathe, weniger Sprachunterricht oder doch lieber weniger Turnen sein? Dazu gibt ihre Website leider keine Auskunft...
Bloggen für die Bilateralen
20 BloggerInnen und Blogger aus der ganzen Schweiz werben bis zum Abstimmungssonntag in allen Landessprachen und auf Englisch gemeinsam für die Verlängerung und Ausdehnung der Personenfreizügigkeit.
Mit dabei sind Vertreterinnen und Vertreter von SP, Grünen, CSP, CVP, FDP und SVP, darunter auch vier BundesparlamentarierInnen.
Ebenfalls mit im Boot sind bekannte Schweizer Polit-BloggerInnen wie Frau Zappadong, Swiss-Lupe und Climbtothestars. Sie alle legen nacheinander dar, wieso sie am 8. Februar ein «Ja» in die Urne legen.
Ideengeber für die Aktion war eine Blog-Diskussion zu einem umstrittenen Webauftritt der «Nein»-Fraktion. Dort schrieb ich (tippfehlerbereinigt):
Wir müssen unsere Argumente nach aussen tragen. Also müssen wir uns in erster Linie um unsere eigenen Web- und sonstigen Auftritte kümmern, nicht um die der anderen.
Die Idee eines gemeinsamen, lagerübergreifenden Auftritts war geboren. Eine erste kleine Umfrage bei bekannten Polit-Bloggern zeigte: Sie kommt an. Schnell waren weitere BloggerInnen auch aus der Romandie und dem Tessin gefunden, die mitziehen.
Morgen Montag geht’s mit dem ersten inhaltlichen Beitrag aus der Feder von FDP-Ständerätin Erika Forster los. Danach erscheint bis zum Abstimmungssontag täglich mindestens ein neuer Beitrag. BloggerInnen, die sich dem «Bloggen für die Bilateralen» anschliessen möchten, sind herzlich eingeladen, eigene Beiträge zu schreiben. Wir freuen uns auf eine angeregte, Sprachgrenzen überschreitende Diskussion!
P.S. Wer die Aktion unterstützen will, kann hier Banner in verschiedenen Grössen runterladen. Ein RSS-Feed der Artikel ist hier erhältlich. Ab morgen steht zur Einbindung in Webseiten auch ein Mini-Feed zur Verfügung, der nur Titel und Autoren anzeigt. Eine Facebook-Gruppe gibt’s ebenfalls.
Ausstellungstipp: «Kopf an Kopf», Zürcher Museum für Gestaltung
Museumsdirektor Christian Brändle führte souverän und mit viel Witz durch die Ausstellung und erzählte, wieso das Portrait von Hugo Chavez nun doch fehlt, Stadtratskandidatin Corine Mauch mit ihrem Doppelportrait mit Yulia Timoschenko eher nicht mithalten kann und welcher Zürcher Regierungspräsident seinen Göttibub als offiziellen Portraitmaler engagierte.
Unbedingt hingehen und nach Möglichkeit eine Führung buchen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. Februar.
Wenn 20 Minuten Statistiken bastelt
Die Frage, ob Stellen in der Privatwirtschaft überdurchschnittlich schlecht mit einem Milizamt zu vereinbaren sind, verdient es durchaus, gestellt zu werden. Die Analyse, die 20 Minuten zusammengebastelt hat, gibt darauf allerdings trotz dramatischem Titel keinerlei Auskunft. Der 2. Abschnitt verrät, dass munter Äpfel und Birnen verglichen werden:
Laut dem kantonalen statistischen Amt haben 80 bis 90 Prozent der berufstätigen Zürcher eine Stelle in der Privatwirtschaft. Ein Blick auf die Berufe der städtischen Volksvertreter zeigt jedoch ein ganz anderes Bild: Klar weniger als die Hälfte der 125 Parlamentarier sind in der Privatwirtschaft beschäftigt. Lehrer und andere Beamte sowie Verbandsfunktionäre sind dagegen deutlich übervertreten.
Ein Parlament vertritt die Gesamtbevölkerung, nicht nur die werktätige, der Vergleich mit Berufstätigen alleine ist deshalb unsinnig. Es ist nur richtig, dass in einem Parlament mit 125 Mitgliedern auch Personen in Ausbildung, RentnerInnen sowie Hausfrauen und -männer sitzen. Per Ende 2007 waren genau 64% der Stadtzürcher Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahre alt.
Eine weitere Verzerrung: «Verbandsfunktionäre» sind, statistisch gesehen, selbstredend ebenfalls in der Privatwirtschaft tätige Personen, sie werden in keiner Erwerbszahlenstatistik als eigene Kategorie aufgeführt.
Auch der «Referenzwert» von «80 bis 90 Prozent» «Marktanteil» der Privatwirtschaft hält einer Überprüfung kaum Stand: Bei der letzten Volkszählung (PDF, Seite 44) - neuere Statistiken im selben Detailgrad scheinen leider nicht vorzuliegen - machten die Stellen der öffentlichen Verwaltung in der Stadt Zürich 2.9% aller Arbeitsplätze aus. Von den 6.6% im Bereich «Unterrichtswesen» und den 9.8% im Gesundheits- und Sozialwesen tätigen sind ebenfalls die allermeisten Staatsangestellte. Und auch bei den 4.8%, die zur Kategorie «Erbringung von sonstigen öffentlichen und persönlichen Dienstleistungen» gezählt werden, wird noch so mancher Arbeitsplatz der öffentlichen Hand dabei sein - und wahrscheinlich ebenfalls bei den 19.4%, zu denen die Angaben fehlten.
Fazit: Die Untervertretung der Privatwirtschaft ist weitaus weniger ausgeprägt als es die reisserische Schlagzeile suggeriert. Offen bleibt, ob die verschiedenen politischen Lager unterschiedlich stark zu dieser Untervertretung beitragen. Dazu müsste die Liste der Berufe der Gemeinderäte im Detail analysiert werden. Eine kurzes Überfliegen lässt vermuten, dass dem nicht so ist. Denn es ist beileibe nicht nur die linke Seite, die nicht Berufstätige, Funktionäre und Staatsangestellte ins Parlament abdelegiert. Auch bei den Bürgerlichen sind Rentner, Postbeamte, Lehrer, Hochschulmitarbeiter und dergleichen zu finden.
Zürich endlich grossräumiger denken!
Dass die Standortsuche dermassen Schwierigkeiten bereitet, hat auch mit der irrigen Idee zu tun, alle Sehenswürdigkeiten Zürichs müssten zueinander in Gehdistanz liegen. Die Chance, mit einem städtebaulich relevanten Neubau ausserhalb des engen Gürtels zwischen Hauptbahnhof und Bellevue neue Akzente zu setzen, wurde bereits mit der Kunsthauserweiterung verpasst. Es wurde als einzige Variante eine Ausdehnung am Heimplatz geprüft. Die aufstrebenden Stadtquartiere sollen offenbar weiterhin nicht zum Kulturraum Zürich gehören.
Vor wenigen Tagen begründete Noch-Stapi Elmar Ledergerber diesen Entscheid bei einem Gastauftritt der Grünen damit, dass solche Projekte in den «urbanen Raum» gehörten - Neu-Oerlikon gehört in seiner Wahrnehmung offenbar nicht dazu. Auch die Kunsthausleitung kann sich kaum vorstellen, dass ihre Klientel, die vornehmlich aus dem Raum Zürichberg bis Seefeld zu stammen scheint, für Kunstausstellungen ins ach so abgelegene Neu-Oerlikon pilgern würde - so jedenfalls wurde im vergangenen Juni an einer Informationsveranstaltung der Stadt und des Kunsthauses meine Publikumsfrage zur Standortwahl beantwortet.
Und nun wiederholt sich dasselbe Spiel beim Kongresszentrum. Die Quartiere Wollishofen und Tiefenbrunnen, beide mit S-Bahn-Anschluss und kurzen und direkten Tramverbindungen in die Innenstadt, wurden bei der Standortevaluation ernsthaft als «zu abgelegen» bezeichnet. Vielleicht schauen sich die wunderprächtigen Stadtentwickler mal in den Städten um, mit denen sie Zürich doch so gerne vergleichen. Wer der Meinung ist, Zürich müsse in zig Disziplinen mit London, Barcelona oder Berlin mithalten können, soll bitte nicht Städteplanung betreiben, die eher für Lugano, Baden oder Biel angebracht ist.
Siehe dazu auch meinen Beitrag im P.S. vom September 2008
Von Gauklern, Scharlatanen und Scheinwissenschaftlern
Gute Gaukler sind wunderbare Kleinkünstler. Sie trumpfen als Akrobaten, Jongleure, Zauberer oder Gedächtniskünstler scheinbar mit übernatürlichen Fähigkeiten auf - aber eben nur scheinbar. Der Reiz fürs Publikum liegt genau darin, dass klar bleibt, dass die Künstler in Wirklichkeit solide Handwerker sind, die bestens eingeübte, aber kaum zu durchschauende Tricks vorführen.
Es gibt allerdings auch solche, die sich nicht als gewöhnliche Strassen- oder Bühnenkünstler präsentieren mögen, ihr Vorgaukeln geht einen Schritt weiter. Sie behaupten, tatsächlich Fähigkeiten zu besitzen, die sie nicht haben und verpacken ihre Darstellungen in abenteuerliche Geschichten. Im dafür gebräuchlichen Etikett «Scharlatan» versteckt sich das italienische ciarlare, schwatzen. Knaurs Universallexikon definiert den Begriff entsprechend als «jemand, der sich durch Redegewandtheit zu Unrecht den Ruf eines Fachmannes verschafft (bes. in der Med.)». Scheinheiler dürften wohl tatsächlich die Mehrheit unter den Scharlatanen ausmachen. Doch es gibt sie auch in anderen Disziplinen - und das ist beileibe kein neues Phänomen. Johann Burckhardt Mencke, der in zweiter Generation die erste wissenschaftliche Zeitschrift des deutschsprachigen Raums herausgab, schrieb schon 1713 von der Scharlatanierie der Gelehrten. Zwischen 1717 und 1742 veröffentlichte er Zusatzbände zu den Berufsgruppen der Ärzte, der Geistlichen und der Juristen).
Eine weit verbreitete moderne Form der Scharlatanerie ist, Glaubenskonstrukte scheinwissenschaftlich zu «beweisen». Hierbei wird der Wortschatz von Geistes- oder Naturwissenschaften übernommen und suggeriert, Schlüsse würden nach anerkannten Methoden gezogen. Zur Untermauerung der eigenen esoterischen oder religiösen Glaubenssätze werden allerdings elementare wissenschaftliche Regeln verletzt. Zum Beispiel erfolgen Interpretationen vor dem Durchführen von Beobachtungen oder es werden nicht falsifizierbare Behauptungen aufgestellt oder unschlüssige Beweisführungen aufgestellt. Dies ist auch bei dem Kreationisten der Fall, dem ich am 21.12.2008 einen Beitrag widmete. Wer keine andere anderen Erklärungsmodelle zulässt als bibelkonforme, betreibt Scheinwissenschaft. Dies muss durchaus nicht in böser Absicht erfolgen. Im Klappentext zum (leider vergriffenen) Buch Scharlatane: zehn Fallstudien von Gregor Eisenhauer wird dies verdeutlicht:
Die Lust am Betrug und am Selbstbetrug eint Täter und Opfer. Nicht selten glaubt der Scharlatan selbst, was er sagt; das lernt er im Lauf seiner Karriere - nicht zuletzt, weil seine Kundschaft ihm fanatisch anhängt. Dabei ahnen alle die Gefahr. Doch die Hoffnung auf eine wunderhafte Wendung scheint ihnen immer noch trostreicher als der Trott des gesunden Menschenverstandes.
Aus dem Umfeld des kritisierten Kreationisten kam die Aufforderung, die Bezeichnung «Scharlatan» zu entfernen. Dazu besteht kein Anlass. Aber der Begriff scheint - zumindest für einzelne - erklärungsbedürftig. Dies sei hiermit nachgeholt.
Bild: Pablo Picasso, Die Gauklerfamilie, 1905, National Gallery of Art, Washington D.C., USA
Zielgruppengerechte Schwabulierungen
Spricht er aber zu irgendeiner Lobby, wie im vergangenen Oktober, als er Gastredner beim US-Amerikanschen «Atlantic Council» war, bei dem Daniella Vasella und Josef Ackermann im Beirat sitzen, klingt es ganz anders, da verkauft er die WEF-Party als «Schlüssel zum Lösen der Systemkrise» und warnt vor zu viel Regulierung.
Hat ausgelacht:
Klaus Schwab
(Bild:
Reuters/NZZ)
2009: Galileo und Darwin reloaded
Aus religiöser Sicht waren (und sind) die erfahrenen Kränkungen in der Tat fundamental: Unser Planet bildet mitnichten das Zentrum des Universums und der Mensch ist kein nach irgend einem göttlichen Ebenbild geschaffenes Wesen. Logisch, dass beide Wissenschafter von der jeweiligen Staatskirche bekämpft wurden. Galileo wurde durch die Inquisitoren gezwungen, seine Schlussfolgerungen zu widerrufen. Und Darwin wurde von Vertretern der anglikanischen Kirche geächtet.
Die beiden Forscher und ihre monumentalen Beiträge zu unserem naturwissenschaftlichen Verständnis werden dieses Jahr gebührlich gefeiert, 2009 ist zugleich das Internationale Jahr der Astronomie und das Darwin-Jahr.
Und so langsam scheinen sich auch die Kirchen daran zu gewöhnen, dass ihre eigenen Weltbilder reformbedürftig sind. «Bereits» 1979 hatte die katholische Kirche eine Kommission eingesetzt, um den «Fall Galileo» neu aufzurollen. Und blosse 12 Jahre später verkündete der Vatikan, dass Galileo mit seiner heliozentrischen Sicht tatsächlich richtig gelegen hatte. Und nun will die Kirche ihm gar in ihren Heiligtümern eine Statue errichten. Und rechtzeitig zum Jubiläum sendet auch ein Vertreter der Anglikanischen Kirche ein mea culpa aus. (Von einer Statue in der Canterbury Cathedral ist allerdings noch nicht die Rede...)
Mit oder ohne kirchlichen Segen, etliche Veranstaltungen im Rahmen der beiden Jubiläumsjahre sind auf jeden Fall einen Besuch wert. Anlässe in der deutschsprachigen Schweiz zum Astronomiejahr sind hier aufgeführt und solche zum Darwin-Jahr hier (in Zürich) und hier (Bern).
Die selektive Wahrnehmung der selbsternannten IG Freiheit
Der Schweiz muss es wohl wunderprächtig gehen, wenn dies tatsächlich das grösste legalistische Problem ist, mit dem sich das Land, bzw. der Kanton Zürich, der als einziger Ausnahmebewilligungen für den uneingeschränkten Verkauf rund um die Uhr erteilt, konfrontiert sieht.
Hebt den
Moralzeigefinger
sehr selektiv: Peter Spuhler
(Bild: Keystone/24heures)
Die leicht verquere Bilanz ist allerdings eher ein Abbild davon, dass die selbsternannten Kämpfer gegen rostige Paragrafen sich höchst selektiv für mehr Freiheitsrechte einsetzen. IG Freiheit-Präsident Peter Spuhler und die sieben weiteren Vorstandsmitglieder, die im Nationalrat sitzen - selbstredend ausschliesslich für die bürgerlichen Parteien CVP, Liberale, FDP und SVP - stimmten gegen die Hanfinitiative (d.h. sie unterstützten die ablehnende Botschaft des Bundesrates - s. amtliches Protokoll).
Solange die verquere Interessengemeinschaft derlei blinde Flecken hat, haben ihre Preisverleihungen eigentlich keinerlei Bedeutung.























